Amélie Nothomb: Mit Staunen und Zittern



Ein weiteres Kapitel im Leben Nothombs, wieder einmal fulminant erzählt!

Amélie Nothomb, Mit Staunen und Zittern

Titel: Mit Staunen und Zittern

Autor: Amélie Nothomb

Verlag: Diogenes

Klappentext: Sie hat es sich selbst eingebrockt: Aus Übermut und Neugier hat Amélie eine Stelle beim japanischen Unternehmen Yumimoto angenommen. Dort lernt sie zwar nichts in Sachen Buchhaltung, dafür wird ihr ein Crash-Kurs in Sachen Hierarchie erteilt. Eines ist von Anfang an klar: Eine Frau, zumal eine aus Europa, kann nur ganz unten einsteigen. Und noch tiefer fallen. (zur Verlagsseite)

Nothomb, Mit Staunen und ZitternEin weiteres Amélie Nothomb Buch! Und was für eins! <3 Amélie erzählt von ihrer Rückkehr nach Japan, wo sie nach dem Studium (gibt es über diese Zeit auch einen Roman?) ihren ersten Job bekommt – als Dolmetscherin in einem riesigen Unternehmen. Doch was sie letztendlich für Arbeiten erledigen muss, grenzt an Quälerei – so nötigt sie einer Ihrer Vorgesetzten doch, immer wieder einen Stapel Papiere neu zu kopieren, weil diese nicht ordentlich zentriert seien. Sie verrückt die Kalendermarker im gesamten Büro, sorgt dafür, dass jeder seinen bevorzugten Kaffee zur bevorzugten Uhrzeit bekommt, und am Ende landet sie sogar beim Toilettenputzen. Doch so sei das nun mal in Japan, wie sie nicht müde wird zu erzählen. Alle werden von den Gepflogenheiten der japanischen Kultur dazu genötigt, sich klein zu machen, bloß nicht selbständig zu handeln, Ehre und Ordnung sind alles.

Die Tage verstrichen, und noch immer war ich zu nichts nütze. […] An meinem Schreibtisch sitzend, las und las ich immer von neuem die Schriftstücke, die Fubuki mir [am ersten Tag] zur Verfügung gestellt hatte. […] An und für sich hatten diese [Schriftstücke] nichts wirklich Faszinierendes. Aber für den Ausgehungerten wird schon eine Brotrinde zur Delikatesse: In dem Zustand untätiger Entkräftung, in dem mein Gehirn sich befand, schien mir diese Liste vor Spannung zu knistern wie ein Skandalmagazin.

Mit ihrem typischen Erzählstil berichtet Nothomb in „Mit Staunen und Zittern“, wie sie sich mit ihren jungen Jahren in ihre Heimat zurückgezogen hat und dort mit den Umgangsformen, Gebräuchlichkeiten und kulturellen Eigenheiten in ihrem Berufsumfeld klarkommen muss. Amélie, frech wie immer, versucht das Beste aus ihrer Situation zu machen, indem sie sich immer neue Tätigkeiten auf der Arbeit sucht, damit niemandem auffällt, dass sie eigentlich fürs Nichtstun bezahlt wird. Da ihr, eingestellt als Dolmetscherin, verboten wurde, Japanisch zu reden, ja sogar zu verstehen, bleibt ihr nichts anderes übrig, als kleine Tätigkeiten zu machen, um sich aber doch noch als würdig zu erweisen.

Nothomb beschreibt auch wunderbar die Gepflogenheiten, denen man in Japan als Frau unterworfen ist; ohne Schönheit ist man nichts, aber mit Schönheit ist man nichts außer gewöhnlich. Ihre Vorgesetzte Fubuki ist eine sehr schöne Frau, wie Amélie ehrfürchtig erkennt, es tut ihr fast schon weh, zu beobachten, wie sie sich den Sitten unterwirft und sich unter Wert verkauft – verkaufen muss:

Du hast Hunger? Iß fast nichts, denn du mußt schlank bleiben, nicht weil es dich erfreuen könnte, wenn sich die Leute auf der Straße nach deiner Silhouette umdrehen – sie tun es sowieso nicht -, sondern weil du dich schämen müßtest, ein paar Rundungen aufzuweisen. Du hast die Pflicht, schön zu sein. Wenn du sie erfüllst, wird deine Schönheit dir keinerlei Freude bereiten. […] Wenn du dein Bild im Spiegel betrachtest, geschehe es in Furcht und ohne Wohlgefallen, denn deine Schönheit bringt dir nichts ein als das Grauen davor, sie zu verlieren. Bist du ein schönes Mädchen, bist du nichts Besonderes; bist du kein schönes Mädchen, bist du weniger als nichts.

Fazit: „Mit Staunen und Zittern“ ist wieder einmal ein sehr gelungenes Werk von Amélie Nothomb, das mich richtig begeistern konnte! Nachdem ich die chronologisch vorangehenden Werke von ihr gelesen habe (nur eines von Dreien hat mich enttäuscht), bin ich überzeugt, dass ich noch jede Menge von ihr lesen möchte. Ihr Stil, ihre Sprache, ihr Witz – all das zusammengesetzt in alltägliche und doch fremdartige Situationen ergibt jedes Mal etwas wunderbares. Klare Empfehlung!

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Amélie Nothomb, "Mit Staunen und Zittern", Diogenes Verlag.
ISBN: 9783257233254 , Zitate: S. 13, 80.

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