Andrea Gerk: Lob der schlechten Laune



»Wer sich freut, denkt nicht.« — Der Aufstieg der schlechten Laune zum gesellschaftlich akzeptierten Muff ist mit diesem Buch nur noch eine Frage der Zeit!

Andrea Gerk, Lob der schlechten Laune

Schlechte Laune ist viel besser als ihr Ruf. Sie ist die Grundtemperatur umtriebiger Schnelldenker, Inspirationsquelle für Künstler und Alltagsphilosophen, geistige Nahrung für Melancholiker und Romantiker. Gäbe es keine schlechte Laune, hätten wir keinen Schopenhauer, keinen Thomas Bernhard, keinen Dagobert Duck und keine Komödien mit Jack Nicholson. Andrea Gerk liefert ein buntes Potpourri aus unterhaltsamen und anregenden Beispielen rund um diese unterschätzte Gemütslage. (zur Verlagsseite)

Andrea Gerk, Lob der schlechten Laune Cover

Andrea Gerks „Lob der schlechten Laune“ ist mein erstes Sachbuch seit… nun ja, seit der Uni? Angesprochen von dem tollen Cover und der vielversprechenden Prämisse habe ich mich doch mal in das Abenteuer gewagt! Der Grundgedanke des Buches ist, dass schlechte Laune nicht unnütz und nervig, sondern produktiv und auch lustig sein kann – letzteres aber nur, solange man selbst genug Entfernung zum „Wirt“ der schlechten Laue hat. Andrea Gerk hat nicht nur Psychologen zur schlechten Laune befragt, sondern auch Yoga-Gurus, „Dienstleister der guten Laune“ im Service und zahlreiche Autoren, Künstler und selbsternannte Missmuts-Experten. Gerk geht der miesen Laune auf den Grund, erkennt, warum ein grummeliger Tag ab und zu noch kein Beinbruch ist, wie wir besser mit schlecht gelaunten Mitmenschen umgehen können und wie die Übellaunigkeit uns auch dazu befeuern kann, kreativ zu sein und Tolles zu schaffen. Mit Anekdoten aus dem eigenen Leben und Anmerkungen zu Buch und Film will Gerk den Leser durch anschauliche Beispiele dazu bewegen, nicht nur die Rechtfertigung für die eigene schlechte Laune ausfallen zu lassen, sondern auch Akzeptanz schaffen für diese besondere Gemütslage.

Heute kann man kaum noch in Ruhe schlecht gelaunt sein, für jede Stimmungsflaute muss man sich rechtfertigen, und die knurrigen Gesinnungsgenossen von früher trifft man nur noch im Film und Literatur.

Wann ist schlechte Laune witzig? Und wie kann ein Stimmungstief, solange es nicht chronisch ist, unsere Fantasie beflügeln und uns zu kreativem Schaffen anregen? Und gibt es eigentlich für ihren Missmut bekannte Städte und Länder? Antworten zu diesen Fragen und noch viel, viel mehr liefert uns Andrea Gerk in ihrem neusten Fachbuch. Sie geht der schlechten Laune auf den Grund, beleuchtet nicht nur historische Aspekte (beispielsweise die spannende Herkunft der „Laune“) oder kulturelle Absonderlichkeiten, sondern auch, warum die schlechte Laune negativ konnotiert ist und nicht viel eher mit positiven Dingen verbunden wird. Beispielsweise wären große Teile der Literatur, vor allem auch die Lyrik, nicht so, wie wir sie kennen – wenn sie ohne mies gelaunte Schreiberlinge überhaupt existiert hätte. Davon abgesehen, dass es in unserer heutigen Gesellschaft auch einfach verpönt ist, schlecht drauf zu sein. Vor allem im Service-Sektor, beispielsweise im Einzelhandel oder in der Hotellerie, wo gute Laune an der Tagesordnung unter „Pflichtprogramm“ steht, werden Menschen häufig genötigt, ihren Missmut in eine hintere Ecke ihres Gehirns zu schieben und zu lächeln – was den Missmut im Gegenzug aber nur wachsen lässt. Doch was, wenn das Stimmungstief Überhand nimmt? Wann wird schlechte Laune zur Krankheit? Was ist bloß eine kurze Phase des Tagesablaufs, was Cholerik?

Gerk spricht für ihr „Kompendium der schlechten Laune“ mit vielen Menschen, die durch ihre Einsichten den Leser zum Grübeln anstoßen. Die Autorin zieht jedoch nicht nur von diesen Gesprächen ein Fazit, sondern verknüpft dieses mit ihren Nachforschungen über missmutige Dichter, grummelige Autoren und andere schlecht gelaunte Personen, wobei sie dabei immer zu eigenen Erlebnissen zurückkommt, beispielsweise der übellaunigen Kassiererin; deren schlechte Laune wird analysiert, eine Ursache gesucht, gefunden, und dann folgt das Verständnis und die Akzeptanz. Eine Akzeptanz, die wir alle noch lernen müssen.

Damit wir uns über das Unangemessene, Übertriebene und Maßlosige der Übellaunigen amüsieren können, muss es sich, ebenso wie das Schreckliche oder Tragische, in sicherer Distanz abspielen.

Damit schlechte Laune als Unterhaltungsfaktor funktionieren kann und wir uns herzlich über den miesepetrigen Kommissar, den muffigen Nachbarn oder die stänkernde Kollegin amüsieren können, muss laut Gerks Nachforschungen eine Distanz zwischen dem Geschehen und dem Beobachter liegen. Sobald wir selbst involviert sind, wenn beispielsweise die Postfrau über ein zu schweres Paket meckert oder dem Kassierer ein entnervtes Schnauben entfährt, tendieren wir häufig dazu, uns als „Opfer“ schlecht gelaunter Menschen zu sehen, die ja eigentlich sowieso gut gelaunt sein sollten, ja, wo ist ihr Lächeln?, und tendieren dazu, infolgedessen auch schlechte Laune zu entwickeln. Die Lösung ist schlicht: Verständnis.

Gerk schildert ihre Themen voller Inbrunst, man merkt als Leser richtig, wie ihr dieses Thema am Herzen liegt. Ihre Anekdoten sind immer wieder lustig zu lesen und man merkt insgesamt, wie sehr sie sich mit dem Thema „schlechte Laune“ auseinandergesetzt hat. Da ich es nicht gewohnt bin, etwas anderes außer Fiktion zu lesen, muss ich doch zugeben, dass mir das Lesen etwas schwer gefallen ist. Allerdings werden die einzelnen Abschnitte immer mal wieder durch Fotos, Bilder und Illustrationen aufgelockert, was den Lesefluss etwas angenehmer macht.

Andrea Gerk, Lob der schlechten Laune
Andrea Gerk, Lob der schlechten Laune

Fazit: Schluss mit den Rechtfertigungen! Wie der MDR es so schön formuliert, „Wider die Diktatur der Positivität!“ Schlechte Laune ist nicht mehr länger ein Grund, nun ja, schlecht gelaunt zu sein. Die üble Laune spornt uns zu kreativen Höchstleistungen an, bringt uns in Literatur und im Film regelmäßig zum Lachen und eigentlich müssen wir doch zugeben, dass wir den grummeligen alten Kauz nebenan doch ganz goldig finden.

Post-Fazit: Ich muss euch noch einige der überaus ansprechenden Kapitelüberschriften anpreisen, die sind einfach sehr gelungen. Für den nächsten Schimpfwort-Battle: Trotzkopf, Motzkuh und Gewitter-Ritter. Blödföhn, Hasenhirn, Beamtenarsch.

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Dieses Rezensionsexemplar wurde mir freundlicherweise vom Kein & Aber Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

Titel: Lob der schlechten Laune
Autor: Andrea Gerk
Kein & Aber Verlag
Hardcover mit Schutzumschlag, 304 Seiten
ISBN: 9783036957708
Erschienen: 05.09.2017

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Literatourismus

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