Barbara Kenneweg: Haus für eine Person



Gegen den Kapitalismus und für mehr Freiheit, mehr Selbstbestimmung und Selbstbewusstsein – subtil und wunderschön geschrieben platziert Kenneweg ihre Botschaft.

Barbara Kenneweg, Haus für eine Person

Rosa will ein neues, ein anderes Leben. Sie ist gerade dreißig und hat doch schon viel verloren: beide Eltern, die Liebe — und sich selbst. Radikal kehrt sie ihrem schnellen Großstadtleben den Rücken und zieht in ein vergessenes Viertel, in dem viele Vögel singen und lauter alte Leute wohnen. Hier sucht sie das »echte« Leben und verzettelt sich zunehmend zwischen Zweifeln, innerer Revolte und Einsamkeit. Als sie feststellt, dass sie schwanger ist, erwägt sie einen Abbruch. Ein Roman, der auf sehr eigene und poetische Weise von einer jungen Frau erzählt, in deren Kosmos plötzlich die großen Fragen des Lebens drängen. (zur Verlagsseite)

Barbara Kenneweg, Haus für eine Person Cover

Als ich auf „Haus für eine Person“ gestoßen bin, hat mich zunächst der Klappentext angesprochen. Die innere Zerissenheit der Rosa Lux hat mich direkt fasziniert. In Barbara Kennewegs Roman passiert Story-technisch nicht sehr viel: Frau will sich dem Datenchaos und der permanenten Erreichbarkeit der heutigen Zeit entziehen, Frau trennt sich von ihrem Freund und zieht in ein abgelegenes, ruhiges Viertel der lauten Großstadt. So weit, so gut. Klingt ja eigentlich nicht sehr spannend, ist aber eine große Geschichte: über die innere Zerwürfnis, die stetigen Zweifel und das Erwachsenwerden heutzutage. Was, wenn die Angst dich lähmt und du dich in ihr verlierst? Was, wenn du auf dich allein gestellt bist und versuchst, es selbst mit der ganzen Welt aufzunehmen? Was, wenn dich das alltägliche Leben überfordert?

Barbara Kenneweg hat mit „Haus für eine Person“ ein kleines Meisterwerk geschaffen. Bereits auf den ersten Seiten war ich komplett vom grandiosen Schreibstil begeistert, und die sympathische Protagonistin hat ihr weiteres getan. Rosa ist Anfang dreißig und hat das Leben, wie wir es kennen, satt: Ständige Erreichbarkeit, die Tiefen des Internets, der Lärm der Großstadt – von alldem hat sie die Nase voll und kauft sich von ihrem Erbe ein kleines Häuschen in einem abgelegenen Stadtteil. Es ist unklar, ob der Tod ihrer Mutter vor nicht allzu langer Zeit der Auslöser für diesen Schritt ist, die beendete Beziehung zu ihrem Freund Olaf, oder eine allgemeine Unzufriedenheit. Jedenfalls stellt Rosa ihr gesamtes Leben auf Ruhe und Abgeschiedenheit um, ihr Job als Fotografin erschien ihr sowieso mehr und mehr sinnlos, und nun versucht sie sich in all der Stille mit sich selbst zu befassen und sich einig zu werden, was sie im Leben will – und vor allem, wie sie zunächst einmal den Alltag bewältigen will. Denn Rosa hat den Kapitalismus, die ständige Beschallung und Bewerbung, die künstlich hervorgerufenen Wünsche, satt, sie hat sich allerdings so in ihrem Gedankenchaos verloren, dass es ihr schwer fällt, noch zu leben, oder zumindest zu „funktionieren“:

Ich war, wie man so sagt, aus der Spur geraten. Es fiel mir plötzlich schwer, aus dem Haus zu gehen. Tatsächlich war ich zu der Ansicht gekommen, dass nichts so war, wie es schien oder wie ich es gewohnheitsmäßig angenommen hatte. Meine Straße zum Beispiel war nur noch an der äußersten Oberfläche eine Straße, sie war zu einem Kampfplatz geworden, auf dem Produkte sich bekriegten. Sobald ich hinaustrat, fühlte ich mich angegrapscht von Ängsten und Gelüsten, die nicht meine eigenen waren, gepackt von künstlichen Wünschen, gefesselt von fremden Gedanken.

Als Rosa jedoch langsam bewusst wird, dass sie schwanger ist, beginnt sich ihr Gedankenstrudel weiter und weiter zu drehen: Will ich ein Kind in diese Welt setzen? Ist dies wirklich der richtige Ort und der richtige Zeitpunkt, um noch einen Erdenbürger in diese verkommene, materialistische Welt zu platzieren? Rosa ist sich unsicher, wie sie sich entscheiden soll, schließlich hat unsere Erde auch sehr viel Schönes zu bieten, wenn sie den Nachbarskater in der Sonne liegen sieht oder jedes einzelne Blatt eines Baumes bewundert, erscheint ihr dies doch als wunderschönes Fleckchen Erde, wo sie ihren „biologischen Zweck“ erfüllen kann und ihre Werte direkt weiterreichen kann.

Fazit: „Haus für eine Person“ ist ein einfühlsames Kleinod, das uns nicht nur in die Gedankenwelt der Rosa Lux entführt, sondern uns auch dezent darauf hinweist, was in unserer Gesellschaft verquer ist. Auf der Suche nach Klarheit und Sinn in der heutigen Zeit wandelt Rosa durch einen verlorenen Stadtteil, die kleinen Dinge bewundernd, die Menschen analysierend und versucht sich bewusst zu machen, was es heißt, lebendig zu sein.

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Titel: Haus für ein Person
Autor: Barbara Kenneweg
Ullstein Verlag
Hardcover mit Schutzumschlag, 224 Seiten
ISBN: 9783550081774
Erschienen: 10.03.2017

Dieses Rezensionsexemplar wurde mir freundlicherweise vom Ullstein Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

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