Doron Rabinovici: Die Außerirdischen



Die Apokalypse kommt im Gewand greller Überzeichnung — und hinterlässt den Leser ratlos.

Doron Rabinovici, Die Außerirdischen

Erschreckend die Nachricht, die eines Morgens von sämtlichen Sendern gemeldet wird: Eine extraterrestrische Macht hat über Nacht die Erde erobert. Nach der ersten allgemeinen Panik sickern Neuigkeiten durch: Die Außerirdischen sind sanftmütig; sie meiden scheu jeden Kontakt; sie bringen Aufschwung und Frieden. Da ist nur ein kleiner Haken – sie bitten um Menschenopfer auf freiwilliger Basis. Überall werden Spiele ausgerichtet, um die Auserwählten zu bestimmen. Wer mitmacht, dem winken enorme finanzielle Vorteile. Das Online-Magazin von Protagonist Sol ist mit einer rasch etablierten Talkshow dicht dran an den Ereignissen. Als sich aber Sols junger Nachbar Elliot als Kandidat für die Spiele meldet, stellt das Sol und Astrid auf die Probe. Und die Fragen werden drängend: Wer ist mitschuldig, wer profitiert, wer begehrt auf? (zur Verlagsseite)

Doron Rabinovici, Die Außerirdischen Cover

“Die Außerirdischen” war mein erstes Buch von Doron Rabinovici. Erwartet habe ich alles, nur nicht das, was ich bekommen habe. Ob das gut oder schlecht ist, erfahrt ihr hier in meiner Rezension. 🙂 Es geht um Webdesigner Sol, der morgens im Radio davon erfährt, dass die Erde ihren ersten außerirdischen Kontakt hergestellt hat und diese Außerirdischen nun die Erde quasi “übernommen” haben. Sols Frau Astrid glaubt zunächst an einen Scherz, doch als die Nachrichtenerstattung im Fernsehen, online und im Radio nicht mehr länger zu ignorieren ist, schließt sie sich der inzwischen allgemein herrschenden Panik an. Die Menschen rennen angsterfüllt auf den Straßen umher, beginnen Läden auszurauben, und Überfälle auf andere Passanten sind keine Seltenheit mehr. Mitten im Chaos beschließt Sol, Mitgründer eines Online-Magazins für erlesene Köstlichkeiten, von den Außerirdischen und der gesamten Situation in Form eines Talk-Formats zu berichten. Was zunächst von seinem Chefredakteur abgelehnt wird, erscheint doch bereits kurze Zeit später sinnvoll, als auf der ganzen Welt bekannt wird, die Aliens würden die Menschen gerne essen – jedoch auf der Basis eines freiwilligen Opfers. Da bietet sich das Format der Talkshow an, um den Menschen eine Plattform zum Austausch über Für und Wider der Opferung zu bieten, auch wenn man nur vom Sofa aus zuschaut. Um den Menschen das Opfer, das sie bringen sollen, schmackhaft zu machen und um selbst auch nur gesunde, “nahrhafte” Exemplare zu verspeisen, bieten die Außerirdischen die “Spiele” an: ein Wettbewerb mit verschiedensten Disziplinen, aus denen nur die Stärksten und Fittesten hervor gehen. Dem Sieger aus mehreren Runden winkt unermesslicher Reichtum, Exobilien (Immobilien im Weltraum) sowie die Mitreise bei den Außerirdischen. Während des Ablaufs sollen die Teilnehmer auf einer paradiesischen Insel wohnen und im Luxus schwelgen; die Familien der Hinterbliebenen werden finanziell vergütet: Die Verlierer einer jeden Runde werden nämlich verspeist. Was relativ harmlos beginnt, da die Teilnahme absolut freiwillig ist, eskaliert schnell und die Spiele werden zum Desaster. Die Frage stellt sich, was geschehen wird, wenn sich keine Freiwilligen melden oder der Strom an Teilnehmern versiegt…

Sie kamen über Nacht. Wir schliefen tief. Eng umschlungen. Der Hund des Nachbarn schlug nicht an. Der Säugling aus dem ersten Stock, der uns so oft schon aufgeschreckt hatte, blieb ruhig. […] Als wir aufwachten, war über uns entschieden.

Rabinovici erzählt in seinem Werk “Die Außerirdischen” von dem still gehegten Traum der Menschen, Kontakt mit einer anderen Spezies aufzunehmen, und was passiert, wenn dies über Nacht geschieht. Mehrere Monate habe ich auf den Erscheinungstermin dieses Buches gewartet und mich auf diese spannend klingende Geschichte gefreut, die so komplett anders als das war, was man aktuell so auf dem Markt findet. Da ich Sci-Fi liebe, musste ich “Die Außerirdischen” einfach sofort lesen, auch wenn dieses Buch an sich kein Sci-Fi ist, sondern ein Roman mit Sci-Fi-Elementen. Die ersten Seiten habe ich voller Aufregung verschlungen und war rasch in der Mitte des Buches, bis ich dann gemerkt habe, dass “Die Außerirdischen” irgendwie doch nicht so gut ist wie es anfangs schien. Die Handlung verstrickt sich immer mehr und der Protagonist hinterfragt das Geschehen nicht einmal ansatzweise. Es wird immer skurriler und gegen Ende habe ich mich doch etwas an die Konzentrationslager unter Hitler erinnert gefühlt.

Sprachlich ist das Buch einfach toll. Ja, man kann es derart kurz und bündig sagen. “Die Außerirdischen” saugt einen von Seite eins an direkt ein, man fiebert mit dem Protagonisten und der gesamten Menschheit mit und man kann sich absolut in die Situation hineinversetzen, weil — sind wir mal ehrlich, wer hat sich den ersten Alien-Kontakt noch nicht ausgemalt? Der Leser ist angespannt, panisch und ekstatisch zugleich, das Buch liefert ihm eine tolle Grundprämisse; die Gefühle der Anspannung und Vorfreude wandeln sich aber gegen Ende des Buchs mehr und mehr in Richtung des Zweifels, vor allem wenn man im Verlauf des Buches mit Sol auf die Insel gelangt. Die Apokalypse, die mit der Ankunft der Außerirdischen eingeläutet wird, ohne dass die Menschen jemand dazu getrieben hätte (wir erinnern uns: friedliebende, diplomatische Aliens, die Nahrung auf freiwilliger Basis wünschen), erwischt die ganze Welt und beißende Ironie speiend überblickt Rabinovici (wenn auch nicht sein Protagonist) das Chaos. Die „Spiele“, die derweil ein wenig an die Hunger Games erinnern, spitzen sich immer weiter zu und letzten Endes wird doch nur eins klar: Nicht die Außerirdischen sind der Feind des Menschen, sondern der Mensch selbst.

Es war merkwürdig: Ich hatte keine Angst vor den Außerirdischen. Ich fürchtete mich nicht davor, meine Stellung bei smack.com zu gefährden. Das war mir alles egal. Feigheit vor dem Feind war nicht mein Problem, doch Feigheit vor meiner Frau sehr wohl. Ich fürchtete, ihre Liebe zu verlieren.

Fazit: “Die Außerirdischen” ist ein sehr spezielles Buch mit einer mir so oder ähnlich noch nicht untergekommenen Handlung, was zu Anfang sehr aufregend war. Von der Erzählweise her fand ich Rabinovicis Werk äußerst gelungen, auch wenn der Protagonist doch etwas “platt” wirkte; man kann sich sehr schlecht in ihn hineinversetzen, weil man nur erahnen kann, was er gerade fühlt: Sols Emotionen stehen zwar schwarz auf weiß auf dem Papier, aber ein wenig „showing, not telling“ wäre gerade bei der Emotionsachterbahn bei einer Alien-„Invasion“ nett gewesen. Die spannende Handlung verwandelte sich nach und nach leider auch in ein monströses Etwas, von dem man einerseits geschockt ist, es andererseits aber auch hätte kommen sehen können. Schlussendlich finde ich die Moral, die man aus diesem Buch gewinnt, toll, denn wieder einmal wird klar: Wir, die Menschen, sind unsere eigenen und einzigen Feinde.

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Titel: Die Außerirdischen
Autor: Doron Rabinovici
Suhrkamp Verlag
Gebunden mit Schutzumschlag, 255 Seiten
ISBN: 9783518427613
Erschienen: 07.08.2017

Dieses Rezensionsexemplar wurde mir freundlicherweise vom Suhrkamp Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

Der Kurier hat auch eine tolle Buchbesprechung zu Rabinovicis „Außerirdischen“ veröffentlich. Tagline: „Die Menschen sind immer für die Diktatur bereit.“

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