Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann



Aufhocker, Verstocktheit oder doch die unerfüllte Liebe? Das Dorfportrait mit liebevollen Charakteren und schrulligen Details kann leider nicht vollkommen überzeugen.

leky_was-man-sehen-kann

Von der unbedingten Anwesenheitspflicht im eigenen Leben — Selma, eine alte Westerwälderin, kann den Tod voraussehen. Immer, wenn ihr im Traum ein Okapi erscheint, stirbt am nächsten Tag jemand im Dorf. Unklar ist allerdings, wen es treffen wird. Davon, was die Bewohner in den folgenden Stunden fürchten, was sie blindlings wagen, gestehen oder verschwinden lassen, erzählt Mariana Leky in ihrem Roman.  ›Was man von hier aus sehen kann‹ ist das Porträt eines Dorfes, in dem alles auf wundersame Weise zusammenhängt. (zur Verlagsseite)

Mariana Leky, Was man von hier aus sehen kann Cover

„Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky erzählt die Familiengeschichte von Luise, ihrer Großmutter Selma und eigentlich den gesamten Bewohnern ihres Dorfes. Die geraten nämlich in helle Aufruhr, weil Selma nun zum dritten Mal von einem Okapi geträumt hat. Das klingt wie nichts besonderes, jedoch ist nach den ersten beiden Träumen innerhalb von 24 Stunden jeweils ein Dorfbewohner gestorben. Und da man im Dorf ein wenig abergläubisch ist, wird jetzt fest mit einem dritten Tod gerechnet. Jeder befasst sich angesichts des vermeintlichen Todes mit ungesagten Dingen, wie einer nie gestandenen Liebe oder Lügen, die einen durch das Leben begleitet haben und die man sich nun vom Herzen reden möchte. So beispielsweise der Optiker, jahrzehntelanger Freund von Selma, der daheim vor einem Koffer voller Briefanfänge steht, in denen er Selma seine Liebe gestehen wollte. Wird er sich angesichts der kritischen Lage trauen, endlich tacheles zu reden? Und wird der betrunkene Palm von nebenan seinem Sohn Martin, der auch Luises bester Freund ist, endlich ein paar längst überfällige väterliche Gefühle zuteil kommen lassen?

Immer wieder taucht plötzlich dieses Nachbild auf, dieses eine, ganz bestimmte, es taucht auf wie ein Bildschirmschoner des Lebens, und oft dann, wenn man überhaupt nicht damit rechnet.

Mariana Leky schafft mit Selma, ihrer Familie, und den Dorfbewohnern eine sehr sympathische Ansammlung von Charakteren, die einem im Laufe des Buchs auch ans Herz wachsen. Sei es nun die sehr abergläubische Elsbeth, die ewig schlecht gelaunte Marlies oder eben die Protagonistin Luise, die nicht so recht weiß, wie sie mit dem Leben umgehen soll und dem Leser doch recht zögerlich erscheint. Alle Dorfbewohner fühlen sich vom Okapi-Traum betroffen und glauben, dass es jeden treffen kann. Da helfen dann auch Elsbeths Allheilmittelchen nicht, wie beispielsweise ein Fledermausherz, das bei unerfüllter Liebe helfen soll. Jeder einzelne schwirrt umher, mit dem festen Vorsatz, achtsamer zu sein, die kleinen Dinge mehr zu genießen und vor allem, geheime Lieben nach langer Zeit zu gestehen oder auch endlich Mut zu fassen und sich von dem ungeliebten Ehemann zu trennen.

Leky hat die Handlung in drei Teile gegliedert, die alle sehr unterschiedlich erzählt werden. Während der erste Teil noch die 24 Stunden nach dem Okapi-Traum behandelt, geht die Autorin im zweiten und dritten Teil circa 15 Jahre in die Zukunft und spinnt von dort an die Familiengeschichte weiter. Der dritte Teil rennt fast wie im Zeitraffer am Leser vorbei, werden dort doch viele Ereignisse vieler Jahre zusammengefasst. Mariana Leky schafft es, die Familiengeschichte um Luise so liebevoll zu erzählen, dass man richtig mit den Charakteren mitfiebert und sich von Herzen wünscht, dass alle es schaffen, ihre ungesagten Dinge endlich auszusprechen. Selbst die Dorfbewohner sind so rund gestaltet, dass man unwillkürlich an all die anderen Bücher denken muss, die dies nicht so wundervoll hinbekommen haben. Ein dickes Lob! Was mich gestört hat, hängt auch keineswegs von den Charakteren oder der Erzählweise ab, ganz im Gegenteil: beides konnte mich komplett überzeugen und innerhalb von kurzer Zeit hatte ich „Was man von hier aus sehen kann“ durchgesuchtet. Was mich enttäuscht hat, war lediglich der zweite Teil der Geschichte. Hier schleppt sich die Story nur mehr schlecht als recht voran und man bekommt den Eindruck, dass sich in den letzten 15 Jahren doch überhaupt nichts geändert hat nach dem Okapi-Traum – niemand ist achtsamer, niemand freut sich mehr als sonst seines Lebens, alle haben ihre Geheimnisse und niemand hat seinen Ehemann verlassen. Alle leben wie vor 15 Jahren in ihrem Alltagstrott vor sich hin, nur das Leben einer einzigen Person hat sich durch den Okapi-Traum nachhaltig verändert.

Dann tritt Frederik, ein hessischer Mönch, der in Japan lebt, in Luises Leben, und alles scheint sich zu ändern – oder doch nicht? Irgendwie nicht. Die Handlung schleppt sich fort und bis man zum dritten Teil gelangt, ist man doch etwas ausgelaugt. Ich kann den Hype um das Buch nachvollziehen, jedoch nur mit der Einschränkung „ohne den zweiten Teil“. Natürlich funktioniert das Buch ohne diesen nicht, aber er ist einfach zäh. Deshalb wurde mein Lesevergnügen, das nach Teil eins noch vollkommen ungetrübt war, doch etwas ernüchtert.

Seit Frederiks Besuch näher rückte, war ich damit beschäftigt, mein Herz zu beargwöhnen, wie die Leute im Dorf nach Selmas Traum. Das Herz war so viel Aufmerksamkeit nicht gewohnt und klopfte deshalb verstörend schnell. Ich erinnerte mich, dass es bei einem aufziehenden Herzinfarkt in einem Arm kribbelt, aber nicht, in welchem, deshalb kribbelte es in beiden Armen.

Fazit: Ein lesenswertes Buch, wenn auch nicht meine zwingende Empfehlung für den Herbst. Ich habe geschmunzelt, ich habe ein Tränchen verdrückt, ich habe mit den Personen mitgefühlt. Mariana Leky hat eine solide Grundlage geschaffen und tolle Charaktere, und dazu noch eine grandiose Idee, die sie aber in Teil zwei des Buches nicht mehr aufnimmt. In Teil drei hingegen werden lose Fäden verknüpft und der Kreis schließt sich mithilfe Luises Vaters wieder. Ein gelungenes Ende und ein erst recht gelungener Anfang, liebevolle Charaktere und eine wundervolle Erzählsprache. Vom Aufhocker bis zur Verstockung, vom Aberglauben bis zum Wunschdenken – man nimmt auch einiges mit an alternativen Heilmittelchen und erfährt auch durch die schrullige Familie, was alles so gegen unerfülle Liebe, Unentschiedenheit oder eine Warze hilft. Wäre da nicht dieser zähe Mittelteil, würde ich glatt 5 Sterne vergeben. Dem war aber leider nicht so, deshalb muss ich meine Wertung leider anpassen.

katzekatzekatzekatze_graukatze_grau

Dieses Rezensionsexemplar wurde mir freundlicherweise vom Dumont Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

Titel: Was man von hier aus sehen kann
Autor: Mariana Leky
Dumont Verlag
ISBN: 9783832198398
Gebunden mit Schutzumschlag, 320 Seiten
Erschienen: 18.07.2017

Weitere Rezensionen findet ihr bei:

Die Buchbloggerin

Du magst vielleicht auch...

1 Kommentar

Kommentar verfassen