Niah Finnik: Fuchsteufelsstill



Eine Reise in den Kopf einer Autistin – gut, aber leider nicht sehr gut

Niah Finnik, Fuchsteufelsstill

Titel: Fuchsteufelsstill

Autor: Niah Finnik

Verlag: Ullstein fünf

Klappentext: Die siebenundzwanzigjährige Juli steht mitten im Leben – manchmal sogar ein bisschen zu sehr. Sie ist Autistin und jeder Tag bedeutet eine gewaltige Masse an Emotionen, die es zu meistern gilt. Als Juli nach einem missglückten Suizidversuch auf eine psychiatrische Station kommt, trifft sie dort auf die überschwänglich-herzliche Sophie und auf Philipp, der mal mehr und mal weniger er selbst, aber stets anziehend für Juli ist. Die drei nehmen Reißaus und verbringen ein gemeinsames Wochenende, nachdem nichts mehr so ist wie zuvor. (zur Verlagsseite)

Niemand ist normal, ohne verrückt zu sein.

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Im neuen Programm vom Ullstein Verlag, „Ullstein fünf“, werden junge, deutsche Autoren vertreten und Niah Finnik ist eine davon. In ihrem Debütroman „Fuchsteufelsstill“ erzählt sie von der mit Autismus diagnostizierten Juli, die nach einem gescheiterten Selbstmordversuch in die offene Psychiatrie verwiesen wird. Hier lernt Juli die offenherzige, direkte und laute Sophie (Bipolare Störung) und den etwas seltsamen Philipp (Schizophrenie) kennen. Als Juli jedoch am dritten Tag des Programms merkt, dass einer der Insassen fehlt, brechen die Drei auf, um ihn zu suchen. Was als Suchtrupp startet, wird zum Roadtrip zu Fuß, und Juli, Sophie und Philipp verbringen das gesamte Wochenende miteinander – entgegen Julis fixiertem Tagesplan, der nun einfach über den Haufen geworfen wird. Im Verlauf des Wochenendes lernen die Drei sich richtig kennen, führen kuriose Gespräche, teilweise über die Quantentheorie, über die Station und am meisten über Julis alltäglichen Begleiter, die Angst.

Finnik erzählt in einer klaren, schnörkellosen Sprache die Geschichte von Juli und von dem Wochenende, welches ihr Leben völlig auf den Kopf stellt, ihre festen Regeln zunichte macht und mit ihrer Angst spielt. Julis Gedankenfahrten und Überlegungen und vor allem die Personifizierung ihrer Angst, wirken sehr authentisch, was vielleicht auch daran liegt, dass die Autorin selbst mit dem Asperger-Syndrom, einer Variante des Autismus, diagnostiziert wurde und sich somit perfekt in Juli einfühlen kann. Durch die nüchterne Sprache wurden selbst komplizierte Gedankengebilde von Juli für mich verständlich und sogar nachvollziehbar. Dass die Angst für Juli ein Tier ist, dass ihr um die Beine streicht, sie mit der Schnauze anstößt und ihren Angstschweiß ableckt, fand ich klasse. Im Roman wird dieses Tier oft erwähnt, wenn Juli sich in ungewohnten Situationen befindet. Und statt immer wieder zu betonen, welche Angst sie hat, nimmt Finnik das Tier als Symbol für die Angst, dass mit dem Fell immer an Juli vorbeistreicht, etc. – das ist wirklich gelungen. Leider konnte ich mit einigen der Gesprächen nicht so recht etwas anfangen, da sie doch sehr durchgeskriptet und nicht natürlich wirkten, genauso wie die Tatsache, dass Juli, Sophie und Philipp sich einfach bei einem völlig Fremden einquartieren und dort übernachten. Das erschien mir doch etwas skurril und dieser Beschluss wurde auch nicht richtig erklärt. In einem Moment sind die Drei bei einer Wohnungsauflösung, im nächsten wacht Juli morgens in einem fremden Raum auf – zumindest meiner Meinung nach ging das ziemlich schnell. Ansonsten fand ich die generelle Idee des Buches interessant und auch die Charaktere sind schön verschroben und haben alle ihr Päckchen zu tragen, der eine mehr, der andere weniger, aber ich finde, dass dieses Ungleichgewicht zur Stimmung des Romans beiträgt. Das Finale, der Weg zurück zur Station, fand ich richtig, richtig klasse – ich möchte hier aber auch überhaupt nichts vorwegnehmen!

„Ich dachte immer… Angst sei etwas, das ich verlieren werde. So wie Milchzähne. Ich dachte, sie fällt einfach aus mir raus, aber ich habe immer noch Angst. Vor anderen Menschen, vor der Zukunft, vor meinen Gedanken und davor, dass sie verschwinden.“

„Möchten Sie denn, dass ihre Gedanken verschwinden?“

Ich nickte.

„Ich denke schon, doch ich glaube, dann bleibt nichts von mir übrig.“

Fazit: Ein verschrobenes Buch, das seine Charaktere nicht nur als Träger einer Diagnose identifiziert, sondern es schafft, dass man sich (zumindest in Juli) hineinversetzen kann und ihre Gedanken und Probleme richtig nachvollziehen kann. Die Angst, die immer präsent ist, wurde brillant dargestellt und dadurch, dass mich das Buch immer wieder an den Film „I’m a Cyborg, but that’s ok“ erinnert hat, in dem Menschen auch eine andere Realität für die kranke Young-goon aufbauen, damit diese überleben kann (Stichwort: letzte 50 Seiten), war es mir doch insgesamt ganz sympathisch. Allerdings haben mich einige Gespräche und Dialoge gestört, weil diese zu unnatürlich gewirkt haben, dazu war ich teilweise auch etwas genervt von der Beziehung zwischen Juli und Philipp, da man das ja schon von weitem kommen gesehen hat. Und leider hat man durch die Erzählperspektive auch nichts außerhalb von Julis Sichtweite gesehen und mitbekommen; ich für meinen Teil hätte gern mal in den Kopf von Philipp oder Sophie geschaut. 🙂 „Fuchsteufelsstill“ ist nichts für zwischendurch, aber falls man mal wieder Lust auf eine frische Stimme hat und das Thema spannend findet, ist man hier meiner Meinung nach doch gut bedient.

 

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Dieses Rezensionsexemplar wurde mir freundlicherweise vom Ullstein Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

Niah Finnik, "Fuchsteufelsstill", Ullstein fünf.
ISBN: 9783961010035, Zitat: S. 37.

Falls ihr euch für das Thema Asperger/Autismus interessiert, kann ich euch noch ein paar andere tolle Bücher empfehlen:

 

Weitere Rezensionen findet ihr bei:

BücherKaffee

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