Paul Auster: 4 3 2 1



Eine Parabel über das Leben und die Entscheidungen, die wir treffen – meisterlich ausgeführt.

4321 - Paul Auster

Titel: 4 3 2 1

Autor: Paul Auster

Verlag: Rowohlt

Klappentext: ‚4 3 2 1‘ – das sind vier Variationen eines Lebens: Archibald Ferguson, von allen nur Archie genannt, wächst im Newark der fünfziger Jahre auf. „Was für ein interessanter Gedanke“, sagt er sich als kleiner Junge, „sich vorzustellen, wie für ihn alles anders sein könnte, auch wenn er selbst immer derselbe bliebe. Ja, alles war möglich, und nur weil etwas auf eine bestimmte Weise geschah, hieß das noch lange nicht, dass es nicht auch auf eine andere Weise geschehen konnte.“
Im Verein mit der höheren Macht einer von Paul Auster raffiniert dirigierten literarischen Vorsehung entspinnen sich nun vier unterschiedliche Versionen von Archies Leben: provinziell und bescheiden; kämpferisch, aber vom Unglück verfolgt; betroffen und besessen von den Ereignissen der Zeit; künstlerisch genial begabt und nach den Sternen greifend. Und alle vier sind vollgepackt mit Abenteuern, Liebe, Lebenskämpfen und den Schlägen eines unberechenbaren Schicksals …
‚4 3 2 1‘ ist ein faszinierendes Gedankenspiel und ein Höhepunkt in Austers Schaffen. Seine großen Themen, das Streben nach Glück, die Rolle des Zufalls, Politik und Zeitgeschichte von Hiroshima bis Vietnam – alle sind hier versammelt und verdichtet in den hoffnungsvollen Lebenswegen eines jungen Mannes, der sein Glück in der Welt zu finden sucht. (zur Verlagsseite)

[…] Alles war möglich, und nur weil etwas auf eine bestimmte Weise geschah, hieß das noch lange nicht, dass es nicht auch auf eine andere Weise geschehen könnte. Alles könnte anders sein. Die Welt könnte dieselbe Welt sein, und doch wäre sie, wenn er nicht vom Baum gefallen wäre, eine andere Welt für ihn, und wenn er vom Baum gefallen wäre und sich nicht bloß ein Bein, sondern das Genick gebrochen hätte, wäre die Welt für ihn nicht nur eine andere, sondern überhaupt nicht mehr da.

paul auster, 4 3 2 1

Was für ein Koloss! Von vielen wurde „4 3 2 1“ als Opus Magnum Austers bezeichnet, und ich denke, das trifft durchaus zu! Zunächst eingeschüchtert von der Größe (1200 Seiten! Mein dickstes Buch bisher!), habe ich mich doch nicht direkt ran getraut. Doch einmal angefangen, flogen die Seiten nur so dahin. Es geht also um Archie Ferguson, nein, gleich vier Archies, die im Amerika der 50er/60er Jahre aufwachsen und erwachsen werden. Paul Auster erzählt die Lebensgeschichten von gleich vier Archie Fergusons, die „identisch, aber verschieden“ sind und durch anders verlaufende Ereignisse, anders getroffene Entscheidungen etc. jeweils ein völlig anderes Leben führen. Archie, der immer von der Liebe gebeutelt zu sein scheint, durchlebt die Zeit des Aufschwungs, des Krieges und der Revolution, und das an der Seite von Familie und Freunden (die sich natürlich auch unterscheiden, obwohl es gewisse Konstanten gibt). In der einen „Welt“ noch geliebt und glücklich mit seinem Traumjob, verfällt er doch bei der nächsten Version seiner Selbst in leichten Alkoholismus, ist immer auf der Suche nach der großen Liebe oder zumindest nach Sex, vom Unglück gejagt oder doch von Freunden umringt: Die vier Leben des Archibald Ferguson unterscheiden sich teilweise in seinen Eigenschaften und Charakterzügen, beispielsweise seinem Interesse an Politik, seinem Berufswunsch oder aber seinen Hobbys; andererseits gibt es auch äußere Faktoren, die sich in jeder Version unterscheiden: Archies familiäres Umfeld, sein Liebesleben, seine Verwandtschaft.

Sein Leben fing gerade erst an, sagte Ferguson sich, sein Leben hatte noch nicht einmal begonnen, doch der wesentliche Teil von ihm war schon tot.

Nach meinem zuletzt gelesenen Auster, „Travels in the Scriptorium“, der unter 200 Seiten füllt, ist „4 3 2 1“ natürlich das krasse Gegenteil mit seinen 1250 Seiten. Doch nachdem man einige Kapitel geschafft hat, bekommt man einen richtigen Lesefluss und die doch sehr langen Formulierungen werden immer angenehmer zu lesen. Am Anfang dachte ich allerdings, das gesamte erste Kapitel (1.0-1.4) sei eine Einleitung, bis ich dann in 1.4 erst mal gemerkt habe, dass die Überlegung Archies in einem der ersten Unterkapitel, wie es wäre, ein anderes Leben zu führen, direkt schon umgesetzt wurde! Völlig durcheinander musste ich die ersten Seiten erneut lesen. Dann haben mich anfangs diese Bandwurmsätze, die sich oft über ganze Seiten strecken, immer wieder dermaßen eingeschläfert, dass ich nicht so recht voran kam; vor allem schwierig, wenn man abends im Bett „nur noch bis zum Absatz“ lesen möchte, dieser aber nicht vorhanden ist. 😀 Spätestens aber nach 300 Seiten ist man drin und der Schreibstil fesselt einen richtig. Zu Beginn des Buches bin ich auch mit der Annahme gestartet, dass doch bestimmt jedes der Kapitel zehn Jahre von Archies Leben erzählt, so dick, wie das Buch ist – doch weit gefehlt! „4 3 2 1“ berichtet von vier Leben Archies, jedoch nicht über seine 20er hinaus. Das mag jetzt ein wenig erschreckend klingen, ist auch so: Jedes kleine Detail seiner jungen Jahre wird detailgetreu wiedergegeben, alle Personen, die mit ihm verwandt oder befreundet sind, werden mit einer Lebensgeschichte bestückt, und diese „Tour de Force“ durch Archies Leben und sein Umfeld beschreibt auch jede Menge politische Ereignisse, was mich etwas gestört hat. Natürlich gehört es zum Leben eines Jeden, dass die Politik gewisse Entscheidungen oder Erlebnisse beeinflusst, aber da mich „so etwas“ nicht so sehr fesselt, war ich dann doch etwas genervt über die Detailtreue, die Auster jedem Ereignis betreibt. Ich finde Details und Vorgeschichten und das ganze Drum und Dran bei Charakteren sehr interessant und auch wichtig für die Geschichte, aber Auster berichtet viele, viele Seiten lang von politischen Ereignissen, die ich storytechnisch doch eher uninteressant fand. Durch die Detailtreue Austers sind allerdings alle größeren Charaktere (und sogar viele Nebencharaktere, selbst die kleinen Liebschaften Archies etc.) dermaßen ausgefleischt, es ist Wahnsinn! Auster hat es geschafft, dass man bei dem ganzen Verwandtschafts- und Freundesgewusel nicht durcheinander kommt und immer ein bisschen (oder ein bisschen mehr, je nach Person) Background hat. Ich mag den Erzählstil sehr; Es gibt einen omnipotenten 3. Person-Erzähler, der auch gerne mal Geschehnisse kommentiert oder mit seinem Wissen vorgreift und uns teast, was noch kommt. Das hat mir richtig gut gefallen, ich mag Erzähler, die in Erscheinung treten und z.B. auch gerne mal mit dem Leser kommunizieren.

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„Wenn man genauer darüber nachdenkt, sind Schmetterling und Seele im Grunde gar nicht so verschieden. Ein Schmetterling fängt sein Leben als Raupe an, als hässlicher, kriechender Erdwurm, und eines Tages baut sich die Raupe einen Kokon, und nach einer bestimmten Zeit öffnet sich der Kokon, und heraus kommt der Schmetterling, das schönste Lebewesen der Welt.“

Durch die ganzen Erzählstränge über Politik und dergleichen war ich dem Buch etwas abgeneigt, was die Hauptstory – Archies Leben – aber immer wieder wett gemacht hat! Ob es nun der Brand im Laden seines Vaters, die zahlreichen Liebschaften Archies, seine Beziehung zu Amy und seiner Mutter (die einzigen wirklichen Konstanten in seinem Leben) oder aber sein Beruf war, es gab immer wieder Spannendes und Interessantes in seinem Leben (oder: in seinen Leben?), sodass man zum sofortigen Weiterlesen fast schon genötigt wurde. Wie ich schon in meiner Rezension zu „Ein ganzes Leben“ von Robert Seethaler geschrieben habe (der ein Leben in seiner Gesamtheit auf unter 200 Seiten erzählt hat): Jedes Leben ist es wert, dass darüber eine Geschichte erzählt oder geschrieben wird, ob es nun auf 200 oder auf 2000 Seiten ist. Was Seethaler in seinem Buch relativ kurz fassen muss, kann Auster hier zelebrieren, in seiner ganzen Ausführlichkeit berichten, jeden Schnäuzer notieren.

Das Finale hat diesem Werk noch einmal ein Sahnehäubchen aufgesetzt und mich, von zu viel Politik leicht erschöpft, nochmal alles überdenken lassen. Auster schafft es, eine Parabel zu zaubern, indem er sein Epos auf die beste Art beendet hat, wie es nur möglich war. Aber das werde ich hier nicht spoilern, schließlich will der eine oder andere Leser sich dieses Buch auch noch zur Brust nehmen. Seid gewarnt: es ist vielleicht das beste Ende, das ich jemals gelesen habe – und es zwingt einen, noch einmal die gesammelten Geschehnisse des Buches zu durchdenken.

[…] und an dieser Stelle löste sich die Geschichte aus dem Bereich der Witze und wurde zur Parabel über das menschliche Schicksal und die sich endlos gabelnden Wege, denen sich ein Mensch auf seinem Gang durchs Leben stellen muss.

Generell regt einen „4 3 2 1“ zum Nachdenken an. „Was wäre, wenn…?“ hat sich wohl jeder schon ein oder mehrere Male gefragt, z.B. wenn es Entscheidungen zu fällen gab. Austers Werk gibt den Anreiz, sich in Gedankengefilde zu begeben; zu überlegen, was die Konstanten im eigenen Leben sind, welche Ereignisse uns nachhaltig verändert oder unseren Weg beeinflusst haben. Auster hat hier ein wunderbares Werk geschaffen, basierend auf einer brillanten Idee, die aber für meinen Geschmack mit zu viel Weltgeschehen gefüttert wurde. Der Erzählstil ist konstant grandios, die anfangs noch verfluchten Bandwurmsätze werden zu besten Freunden, die teilweisen Parallelen in den verschiedenen Versionen sind wunderbar eingefügt, sodass man immer einen „Oh!“-Moment hatte, und man feuert Archie an, das Beste aus sich zu machen, man hofft für sein bestes, man drückt ihm die Daumen, dass alles gut geht (was es natürlich nicht immer tut). Das geniale Ende setzt dieses Werk noch auf ein kleines Podest, Paul Auster erscheint einem wie ein Literaturgott, dadurch, dass er seine Geschichte auf diese Art beendet, aber es bleibt noch ein kleiner Wermutstropfen zurück, der dieser Wahnsinnsgeschichte doch einen minimal faden Beigeschmack untermischt, sodass ich nicht hundertprozentig zufrieden aus diesem Buch herausgehen konnte. (Ich habe bewusst „herausgehen“ gewählt, da man diese Geschichte nicht nur oberflächlich streift, sondern richtig in das Buch hinein geht, wie in Archies Roman „Das scharlachrote Notizbuch“) Dementsprechend gibt es nur 4/5 Sternen.

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Dieses Rezensionsexemplar wurde mir freundlicherweise vom Rowohlt Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

Paul Auster, "4 3 2 1", Rowohlt Verlag.
ISBN: 9783498000974, Zitate: S. 76, 806, 174, 1133.

Weitere Rezensionen findet ihr bei:

Kapri-ziös

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3 Kommentare

  1. Danke für diese ehrliche und ausführliche Rezension! Ich schleiche schon ziemlich lange um diesen Wälzer herum und weiß nicht so richtig, ob ich ihn mir „zutraue“ oder eher nicht, aber deine Worte haben mir definitiv Lust auf mehr gemacht! Es ist auf der Wunschliste auf jeden Fall um einige Plätze nach oben gerutscht, auch wenn mich die ausschweifenden Details zur Politik ebenfalls etwas abschrecken, haha,
    Liebste Grüße und ein schönes Wochenende!
    Liesa

    1. danke dir fürs lesen! die rezi hat sich ja doch ein wenig in die länge gezogen.. dann hoffe ich mal, dass wenn du es denn liest, auch so viel spaß dabei haben wirst! 🙂
      liebe grüße,
      tina

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