Sonja Heiss: Rimini



Ein erschreckend realistisches Familienportrait, das mit seinen liebevoll gestalteten Charakteren überzeugen kann.

Sonja Heiss, Rimini

Hans ist Anwalt, reich und erfolgreich. Doch auf einmal kehrt diese irrationale Wut in ihm zurück. Seine Ehe funktioniert nicht mehr und statt mit seiner neuen Psychoanalytikerin Frau Doktor Mandel-Minkic an seinen Problemen zu arbeiten, verliebt sich Hans in sie. Seine Schwester Masha ist 39 Jahre alt, als sie beschließt, ein Kind mit ihrem Freund zu bekommen. Doch plötzlich geht er ihr schrecklich auf die Nerven. Alexander und Barbara, die Eltern, sind seit über vierzig Jahren leidlich glücklich verheiratet und müssen sich jetzt im Alltag eines Rentnerpaars einrichten. Während Alexander sich schon einsam fühlt, wenn seine Frau nur in ein anderes Zimmer geht, bleibt für sie nur die Flucht. Sie ahnt nicht, was sie damit in Gang setzt. (zur Verlagsseite)

Sonja Heiss, Rimini Cover

„Rimini“ ist ein sehr kurioses Buch. Es handelt von der Familie Armin, die laut Pressetext „ganz normal dysfunktional“ ist. Als Leser verfolgen wir den Alltag der einzelnen Familienmitglieder: Das Rentnerpärchen Alexander und Barbara, die sich mit ihren freien Tagen nicht einrichten können, Sohn Hans, der mit einer Wutstörung kämpft, und Tochter Masha, die sich mit fast vierzig immer noch nicht erwachsen fühlt. Und deren Anhänge spielen selbstverständlich auch eine Rolle: Hans‘ Frau Ellen, die alles will, nur nicht mit ihm schlafen; und Mashas Freund Gregor, der auf einmal falsch riecht, sich falsch benimmt und die falschen Dinge sagt. Man muss nicht extra darauf hinweisen, dass die Beziehung zwischen den einzelnen Familienmitgliedern ebenfalls ziemlich angespannt ist. Gefühle werden nicht ausgesprochen, ein Familiengeheimnis schwebt über Barbara und macht sie psychisch fertig, die Kinder haben genug Probleme, um sich auch noch mit denen ihrer Eltern auseinanderzusetzen — kurz: Alles ganz normal. Oder etwa nicht?

Empathie war etwas, das in ihrer Familie wahrscheinlich genetisch ausgeschlossen war, eine Eigenschaft, die sicherlich schon ihre Ahnen nicht aufgewiesen hatten.

Ich muss sagen, dass ich mir viel von Sonja Heiss‘ Romandebüt erwartet habe, aber dass ich am Ende der Lektüre doch einige Tränchen verdrücke, nicht. Denn eigentlich geht es doch lediglich um den Alltag der Familie Armin, und der klang doch ganz witzig, oder nicht? Nicht ausschließlich. „Rimini“ ist stellenweise brutal realistisch, oftmals werden allerdings auch Situationen auf die Spitze getrieben. Die einzelnen Charaktere, für die ich zu Beginn der Buches doch einen kleinen Stammbaum zeichnen musste, sind so detailreich beschrieben, dass ich bei einem von Hans‘ Wutanfällen doch glatt meinen könnte, eine Ader auf seiner Stirn vor mir zu sehen. Jedes der Familienmitglieder hat mit seinem eigenen Bündel Probleme zu kämpfen, und während viele Kapitel noch von Hans‘ Analysetherapie handeln bzw. die Sitzungen wiedergeben, wird auf den restlichen Seiten doch ein grandios unsympathisches Bild von den anderen Armins gezeichnet: Masha, deren langjähriger Freund Georg auf einmal „falsch riecht“ und ihr plötzlich gar nicht mehr so toll vorkommt, gerät in eine Art Midlife-Crisis und verlässt ihn, hat jedoch einen dringenden Kinderwunsch. Da muss nun ein Mann her. Alexander, der Familienvater, ist dermaßen auf seine Frau Barbara fixiert, dass er ihr, nun dass die beiden in Rente sind, keine ruhige Minute mehr lässt und diese keinen anderen Ausweg sieht als die Flucht. Während Alexander fest davon ausgeht, dass seine Frau ihn betrügt, legt er sich einen Kanarienvogel zu, zu dem er in kürzester Zeit eine sehr innige Bindung eingeht und nicht mehr ohne das kleine Tier leben kann. Ich könnte noch ewig weitererzählen, doch dann würde ich euch den gesamten Inhalt verraten. 🙂 Sonja Heiss schafft es jedenfalls, dass man mit den Charakteren mitfiebert, obwohl man diese gelegentlich gar nicht leiden kann. Man wünscht ihnen, dass diese Kommunikationsbarriere sich in Luft auflöse, doch dann wäre wohl das Buch nicht mehr das, was es ausmacht.

Die Autorin erzählt jedoch nicht nur die Geschichte der Amins, wie sie ist, sondern auch, wie es früher einmal war. Hans‘ Kindheit, die Probleme Barbaras, der Ursprung vieler Probleme wird durch Rückblenden ein wenig aufgedröselt. Diese kurzen Ausflüge haben positiv dazu beigetragen, die Charaktere weiter auszufleischen und ich habe die kurzen Episoden, die meist während Hans‘ Sitzungen auftauchten, sehr genossen. Zu der Tiefe, die Heiss‘ ihren Protagonisten so aneignet, gefiel mir ihr Sprachgefühl wahnsinnig gut, die ersten 150 Seiten vergingen wie im Flug, wohingegen sich der Mittelteil etwas gezogen hat. Für die letzten 100 Seiten musste ich allerdings eine Nachtschicht einlegen, weil dann plötzlich so viel passiert und alles Schlag auf Schlag geschehen ist, dass ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen konnte. Zum Schluss lief dann auch ein kleines Tränchen, aber lest selbst!

Das musste das Ende sein, dachte sie. Mitleid war nicht rückgängig zu machen. Mitleid war ruinös. Wären sie verheiratet, würde am Ende in den Papieren stehen: Scheidungsgrund Mitleid. Mitleid war schlimmer als unüberbrückbare Differenzen und schlimmer als Hass.

Fazit: Auch wenn ich den Mittelteil etwas dröge und lang fand, konnten mich sowohl Beginn als auch Finale von „Rimini“ überzeugen. Die Charaktere sind mit einer solchen Liebe zum Detail gestaltet und die Erzählsprache ist einfach wunderbar. Für meinen Geschmack gab es allerdings zu viele Analyse-Sitzungen von Hans. Hans, der ein wahnsinnig interessanter Charakter ist, ist durch diese unendlichen Sitzungen bei mir so negativ konnotiert, weil ich mit ihm die teilweise etwas kaugummi-artigen Buchpassagen verknüpfe. Im Endeffekt kann man aber festhalten, dass Sonja Heiss hier eine melancholische, analytische, bitter-komische Geschichte erzählt, und die Charaktere so realistisch wirken, dass man doch an einen Stellen glatt ein Deja-vu bekommen kann…

 

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Dieses Rezensionsexemplar wurde mir freundlicherweise vom Kiwi-Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

Titel: Rimini
Autor: Sonja Heiss
Kiepenheuer & Witsch Verlag
Hardcover mit Schutzumschlag, 400 Seiten
ISBN: 9783462317282
Erschienen: 17.08.2017

 

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