Theresa Hannig: Die Optimierer



Eine wahnsinnig gute Dystopie (und so vieles mehr), die mich vom Hocker gerissen hat. Brillant!
"Die Optimierer" wird sogar von Henry empfohlen!
„Die Optimierer“ wird sogar von Henry empfohlen!

Im Jahr 2052 hat sich die Bundesrepublik Europa vom Rest der Welt abgeschottet. Hochentwickelte Roboter sorgen für Wohlstand und Sicherheit in der sogenannten Optimalwohlökonomie. Hier werden alle Bürger von der Agentur für Lebensberatung rund um die Uhr überwacht, um für jeden Einzelnen den perfekten Platz in der Gesellschaft zu finden. Samson Freitag ist Lebensberater im Staatsdienst und ein glühender Verfechter des Systems. Doch als er kurz vor seiner Beförderung beschuldigt wird, eine falsche Beratung erteilt zu haben, gerät er in einen Abwärtsstrudel, dem er nicht mehr entkommen kann. (zur Verlagsseite)

Theresa Hannig, Die Optimierer CoverMit „Die Optimierer“ hat Theresa Hannig ein herausragendes Debüt auf Papier gebracht. Es handelt sich um eine Science-Fiction-Dystopie, die bisher nicht aus dem Schatten von Klings „Qualityland“ herauskam, was sehr sehr schade ist! Die mit Liebe zum Detail erzählte Geschichte handelt von Samson Freitag, der beruflich Lebensberater ist. Das bedeutet, er trifft Menschen, und anhand derer gesammelter Daten und einem Hauch Gefühl empfiehlt er ihnen einen Job, der zu ihnen passt. Klingt gut, oder? Nur leider darf man in Kontemplation, wenn man nicht besonders für überhaupt einen Job geeignet ist und eigentlich jeder Roboter besser zur Arbeit geeignet ist als man selbst. In der Kontemplation darf man tagein, tagaus seinen Hobbys nachgehen, weil man so der Wirtschaft am meisten nützt. Nur arbeiten gehen darf man nicht. Klingt schon gar nicht mehr soo gut, oder? Samson trifft also für eine junge Dame eine Entscheidung, die ihr leider gar nicht passt, und durch eine Reihe von Verkettungen gerät sein bisher schön geordnetes Leben aus den Fugen: Seine Freundin verlässt ihn, im Job läuft alles drunter und drüber, seine Eltern werden beim mittlerweile illegalen Fleischkonsum (chapeau!) erwischt, und zu allem Übel verträgt er auch die neuen Linsen, die für fast jeden Griff im Alltag nötig sind, nicht. Ohne Linse kann er keine Kommunalautos steuern, nicht auf seine für die Arbeit benötigten Daten zugreifen und nicht mal seine eigene Haustür aufsperren oder einen Fahrstuhl benutzen. Dadurch, dass Samson so auf unglückliche Art vom modernen Leben ausgeschlossen wird, baut sich in ihm eine Wut auf den Staat, auf seinen Job und nicht zuletzt auf Ercan Böser auf, dem er vor Jahren den anscheinend falschen Beruf geraten hat: Politiker. Denn Böser kandidiert nun als Kanzler und droht einige Gesetze an den Mann zu bringen, die Samson gar nicht gefallen.

Theresa Hannig hat hier eine wirklich grandiose Dystopie aus dem Ärmel geschüttelt – und vor allem mal eine, die auch plausibel ist! Mit akribischer Detailgetreue lässt sie uns am politischen Weltgeschehen teilhaben und führt galant die Veränderungen ein, die geschehen mussten, um ihre Welt wahrscheinlich zu machen. Das gesamte Wirtschaftssystem wurde umgekrempelt und durch den Einsatz von Robotern kann man nun auf „nichtsnutzige“ Menschen in der Arbeitswelt verzichten. Profitgier und Kapitalismus sind Schlagwörter von gestern, und auch die Wachstumswirtschaft gehört der Vergangenheit an, denn um wachsen zu können, benötigt man Ressourcen, und die sind 2054 noch knapper als heute schon. Eine neue Wirtschaftsform hat den Platz der alten eingenommen: die Optimalökonomie. Der Staat strebt nun nicht mehr nach dem größten Profit, sondern nach dem höchsten Wohl für alle Bewohner. Was in der Theorie gut klingt, hat für Samson verheerende Folgen, denn nach seinem „Fauxpas“ ist er schnell seine Sozialpunkte los, verliert viele Privilegien und auch seinen Lebensstandard. Damit er wieder arbeiten darf und sein früheres Leben wiederbekommen kann, beschließt er, den Politiker zu stürzen, den er aufgrund falscher Informationen einst falsch beraten hat. Doch bevor es so weit kommen kann, passiert noch einiges und Samson landet sogar im Gefängnis…

Fazit: Mit einer lockeren, leichten Sprache erzählt Theresa Hannig in „Die Optimierer“ die spannende Geschichte von Samson Freitag, in einer Welt, die unserer nicht mehr ähnlich ist und jeder Mensch nur noch arbeiten muss, wenn er will, damit er es auch vernünftig macht. Menschen sind ersetzbar; neue Roboter-Modelle werden bereits mit individuellen Persönlichkeiten ausgestattet. Ich bin auf Seite 1 eingetaucht in diese verrückte Welt und nach dem Finale schnaufend aufgetaucht, weil ich mit so einem bombastischen, alles über den Haufen werfenden Ende niemals gerechnet hätte. Wahnsinn! Ohne zu viel verraten zu wollen: Lest es! Und dann will ich eure Eindrücke hören! Ich hoffe sehr, dass Hannig uns noch mit vielen weiteren so tollen Werken beglücken wird.  Anmerkung: Ich habe gerade gelesen, dass es noch einen weiteren Band geben soll. FANGIRL MOMENT!

Kleine Anmerkung: In einer Szene leckt Samson über seine Kontaktlinse, bevor er sie einsetzt. Kontaktlinsenträgern läuft in diesem Moment ein Schauer über den Rücken! Linsen anlecken und dann ins Auge setzen? … Nein!

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Dieses Rezensionsexemplar wurde mir freundlicherweise vom Bastei Lübbe Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

Theresa Hannig, Die Optimierer. Bastei Lübbe
Taschenbuch, 302 Seiten
ISBN: 9783404208876
Erschienen: 29.09.2017

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