Rezension // Hye-Young Pyun: Der Riss – KillMonotony Buchblog
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    Hye-Young Pyun: Der Riss

    Hye-Young Pyun, Der Riss
    Lesezeit: 5 Min.
    Beklemmende, unglaublich unangenehme Tour de Force, die äußerst lesenswert ist!

     

    Kann das Leben einen so tiefen Riss bekommen, dass man durch ihn hinabstürzt und darin verschwindet? Ogi hat Schuld an dem Unfall, durch den seine Frau getötet wurde. Im Haus seiner Schwiegermutter vegetiert er nun schwer verletzt vor sich hin. Seine Welt schrumpft zu dem Bett, in dem er liegt. Draußen verwandelt sich ihr üppiger Garten in einen welken Orten, entstellt von dunklen Löchern, die die Schwiegermutter wie besessen gräbt. Was verbirgt sich hinter der unheimlichen Obsession für den Garten? Ein so kafkaesker wie hypnotisierender Roman von den verstörenden Rissen, die Einsamkeit, Schuld und Entwurzelung im Leben hinterlassen können.

    Der Riss von Hye-young Pyun CoverHye-Young Pyuns “Der Riss” habe ich euch bereits in meiner ersten Vorschau-Auslese für 2019 angeteasert, bereits ahnend, dass dieser Roman zu meinen Highlights dieses Jahr zählen würde. Und ich wurde nicht enttäuscht. Bereits im ersten Abschnitt wird man in das unangenehme Geschehen eingesogen. Ogi erwacht nach einem Autounfall aus dem Koma. Wo ist seine Frau? Hat sie überlebt? Und wieso kann er sich nicht bewegen? Nachdem er seine Situation analysiert hat und all seine Willenskraft aufwendet, schafft er es durch Blinzeln, mit dem Krankenhauspersonal und vor allem mit seiner trauernden Schwiegermutter zu kommunizieren. Einmal blinzeln für ja, zweimal für nein. Ogi will aus seinem Gefängnis ausbrechen, seine Arme, seine Beine bewegen können, wenigstens sprechen, doch die Ärzte machen ihm wenig Hoffnung. Dass seine Schwiegermutter bei ihm sitzt und nicht woanders, macht Ogi auch deutlich, dass seine Frau wohl nicht überlebt hat. Gefangen in seinem Kopf gehen ihm immer dieselben Szenen durch den Kopf, die Schuld zerfrisst ihn, und der Wunsch, seine Schwiegermutter zu trösten, anstatt getröstet zu werden, wird immer stärker. Nachdem es ihm durch immense Anstrengungen gelingt, einen Arm leicht zu bewegen und sogar etwas zu schreiben, wird er entlassen und wohnt fortan in seinem ehelichen Haus, unwissend, dass die Schwiegermutter nicht lange auf sich warten lässt und ihre ganz eigenen Absichten verfolgt…

    Wie kann sich das Leben von einer Sekunde auf die nächste so dramatisch ändern? Wie fällt es auseinander, bekommt einen Riss, wie schrumpft es einfach zusammen, bis es sich im Nichts auflöst?

    Dieses Buch hat mich sehr mitgenommen. Wir als Leser sind direkt in Ogis Kopf, wissen, was er denkt, wissen, wie es sich anfühlt, Gefangener seines eigenen Körpers zu sein. Während seine Welt auf sein Bett und das Krankenhauszimmer zusammengeschrumpft ist, nimmt er uns mit in die Weiten seiner Erinnerung, lässt uns an seiner Ehe teilhaben, an den guten und den schlechten Tagen. Ogis Frau ist hartnäckig und stur, schafft es allerdings nicht, Dinge zu beenden. Sie streiten oft. Während Ogi auf der Karriereleiter höher und höher klettert, bleibt seine Frau zuhause und legt einen Garten an – der allerdings erst im dritten Jahr der kontinuierlichen Gartenpflege beginnt, zu blühen. Obwohl Ogi im gesamten Buchverlauf dazu verdammt ist, im Bett zu liegen, schafft Hye-Young Pyun es, dass keine Langeweile aufkommt – für ihn vielleicht, aber nicht für den Leser. Als sich dann die Schwiegermutter, die natürlich um ihre Tochter trauert, eine ungeahnte Rolle annimmt, nimmt der Roman unweigerlich an Fahrt auf und wird zu etwas, das ich so nicht erwartet habe.

    Fazit: Ein unheimlich spannender und nervenzerreißend beklemmender Roman, der auf knapp 200 Seiten so viel zu erzählen hat und mir fast wie eine Tour de Force vorgekommen ist –  so sehr habe ich mit Ogi gelitten, so unangenehm war es mir, seine Fehlschläge mitzuverfolgen und so angespannt war die Situation. Keine angenehme Lektüre, aber eine durchaus bereichernde!

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    Dieses Buch wurde mir freundlicherweise vom btb Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

    Hye-Young Pyun / Der Riss / Gebundenes Buch, 220 Seiten / ISBN: 978-3-442-75771-8 / Erschienen am 22.04.29 / zur Verlagsseite

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    2 Kommentare

  • Reply Kathrin 16. Juni 2019 at 20:54

    Wow, das klingt wirklich nach einer sehr intensiven, eindringlichen Geschichte. Ich gestehe, an mir ging das Buch komplett vorbei – und ich frage mich warum. Sehr spannendes, beklemmendes Szenario. Danke für den Tipp! Ich werde es auf jeden Fall lesen, auch wenn mich das Buch wohl sehr aufwühlen wird. 🙂

  • Reply Karin 17. Juni 2019 at 16:20

    Kann dir nur zustimmen: Das Buch ist nicht angenehm, aber sehr lesenswert. 🙂 Hoffe, dass es noch viele Leser finden wird!

    Liebe Grüße
    Karin

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