Rezension // Realistisch und erschreckend: Rob Harts »Der Store« – KillMonotony Buchblog
  • Rezension

    Realistisch und erschreckend: Rob Harts »Der Store«

    Lesezeit: 6 Min.
    Ein großartiger, äußerst spannender und sehr realistischer Roman, der mich bis zur letzten Seite immer wieder überrascht hat.

     

    Der Store liefert alles. Überallhin. Der Store ist Familie. Der Store schafft Arbeit und weiß, was wir zum Leben brauchen. Aber alles hat seinen Preis. Paxton und Zinnia lernen sich bei Cloud kennen, dem weltgrößten Onlineshop. Paxton hat dort eine Anstellung als Security-Mann gefunden, nachdem sein Unternehmen ausgerechnet von Cloud zerstört wurde. Zinnia arbeitet in den Lagerhallen und sammelt Waren für den Versand ein. Das Leben im Cloud-System ist perfekt geregelt, aber unter der Oberfläche brodelt es. Die beiden kommen sich näher, obwohl sie ganz unterschiedliche Ziele verfolgen. Bis eine schreckliche Entdeckung alles ändert.

    Rob Hart, Der Store CoverDass ich sehr aktiv auf Tauschticket unterwegs bin, bringt öfters die eine oder andere Überraschung mit sich: so kam ich bereits vor einigen Monaten in den Luxus, Rob Harts Roman “Der Store” zu lesen, der mir bereits in den Herbstvorschauen aufgefallen ist und mein Interesse geweckt hat. Wir verfolgen zwei Charaktere, Paxton und Zinnia, die beide eine besondere Verbindung zu Cloud haben. Paxton hatte eine tolle Idee und hat versucht, ein kleines Unternehmen aufzubauen, bis ihm sein gerade angemeldetes Patent vor der Nase von Cloud weggeschnappt wurde und er nun keine Wahl hat, außer für den Konzern zu arbeiten, der sein Leben zerstört hat. Die Ausgangslage von Zinnia ist aber nicht minder spannend und erschließt sich dem Leser nach und nach. Zinnia und Paxton lernen sich bereits auf dem gemeinsamen Weg zu den MotherClouds (Wohnkomplexe neben der Store-Niederlassung, in dem alle Mitarbeiter wohnen) kennen und Paxton wirft direkt ein Auge auf sie. Natürlich entspinnt sich auch eine kleine Love Story, die ich aber als Hintergrund-Geplätscher zur eigentlichen, hochbrisanten Handlung verschmerzen kann. Die beiden beginnen zeitgleich, für Cloud zu arbeiten, erhalten allerdings unterschiedliche Jobs: Paxton soll als Security tätig werden, Zinnia als Sammlerin, die sich jeden Tag die Hacken blutig laufen muss, um in Rekordzeit Pakete für die Kunden zu packen.

    So ist es eben mit der Freiheit. Sie gehört dir, bis du sie aufgibst.

    Wir verfolgen den Alltag der beiden Protagonisten und wie sie sich langsam in die Routine bei Cloud einfinden. Während Paxton bei seinem Job Gelegenheit hat, den Campus zu besichtigen, arbeitet Zinnia von früh bis spät in den Lagerhallen, wo sie permanent getracked wird. Generell erhält jeder Mitarbeiter ein Leistungsfeedback in der Form von einer Sternebewertung. Alles unter vier Sternen ist natürlich nicht gewünscht und zieht ein Mitarbeitergespräch nach sich. Jeder Schritt wird daher so effizient wie möglich gesetzt, Zinnia und Paxton scheinen mehr und mehr zur Marionette von Cloud zu werden.

    Zwischen den Kapiteln aus Zinnias und Paxtons Perspektive hat Rob Hart hier auch Tagebuch- oder Blogeinträge vom Gründer Clouds, Gibson Wells, eigestreut, in denen wir allerhand über seine Motivation und Vision erfahren. Zu Beginn des Romans wirkt er noch sympathisch, während er Anekdoten aus seiner Kindheit erzählt, doch nach und nach wird immer deutlicher, dass er ein großer Konzern-Tyrann ist, der nach mehr und mehr Leistung von seinen Mitarbeitern strebt. Und dafür zu fragwürdigen Methoden greift. Eine davon hat mir doch glatt den Magen umgedreht und mich an einen Klassiker der Science Fiction erinnert. Sehr gruselig. Zudem werden die Mitarbeiter permanent beobachtet – an allen Ein- und Ausgängen, zum Einstempeln auf der Arbeit und auch zum Bezahlen auf dem Campus müssen sie ihr individuelles Armband an einen Scanner halten. So weiß das Management, wo jeder Mitarbeiter sich aufhält, was er dort tut und ob er womöglich einen Regelbruch begeht. später wird Jeremy Benthams Panopticon erwähnt, ein Gedankenexperiment, bei dem Gefangene in einem Gebäude wissen, dass der Wächter sie jederzeit beobachten kann – nur wissen sie nicht, in welchem Moment sie beobachtet werden. Das führt dazu, dass sich jeder an die Regeln hält und sich anständig benimmt. So kann man sich Cloud auch vorstellen.

    Wir leben in einem Zustand der Entropie. Wir kaufen Dinge, weil wir auseinander fallen und weil etwas Neues uns das Gefühl vermittelt, wieder ganz zu sein. Nach diesem Gefühl sind wir süchtig, und dadurch hat Cloud uns in der Gewalt.

    Rob Hart hat es geschafft, dass ich diesen Wälzer nahezu eingeatmet habe, obwohl ich mich ja eigentlich von dicken Büchern fernhalte. Die Sprache ist gut zu lesen, der Erzählstil klar und direkt, es gibt keine überflüssigen und schmückenden Beschreibungen, genau wie Cloud ist auch “Der Store” sehr effizient! Dass die Geschichte rund um den Store nicht sehr weit hergeholt ist, sondern ganz stark an einen gewissen Konzern erinnert, macht den Roman meiner Meinung nach noch beängstigender, denn wie weit sind wir von dieser Dystopie wirklich noch weg? Die Tatsache, dass wir Zinnia bei der Lagerarbeit “beobachten” können, auch wenn diese vermutlich (hoffentlich!) ein klein wenig überspitzt dargestellt ist, lässt mich jeden Online-Kauf mittlerweile noch einmal überdenken und hat sich in mein Hirn eingebrannt. Die Sensibilisierung für dieses Thema war auch nicht gerade unwichtig für den Autor, wie er in einem Interview auf Die Zukunft verraten hat.

    Fazit: Die Machtübernahme von immer größer werdenden Konzernen sind ein Thema, das in den Medien durchaus präsent ist. Und auch Romane hierzu wird man vermutlich zahllose finden. Dennoch sticht “Der Store” aus der Masse heraus, denn hier schafft es der Autor, zwei Einzelschicksale so mit der äußerst erschreckenden Arbeitsweise im Megakonzern zu verweben, dass ein runder Spannungsbogen daraus wird und die knapp 600 Seiten doch sehr schnell zu Ende sind. Eine kurzweilige Dystopie, die näher an der Realität ist, als wir es vermutlich wahrhaben wollen und ein absoluter Lesetipp!

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    Rob Hart / Der Store / Heyne Verlag / Gebundenes Buch, 590 Seiten / ISBN: 978-3-453-27230-9 / Erschienen am 02.09.19 / zur Verlagsseite

    Weitere Meinungen:

    Little WordsDie Zukunft

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    1 Kommentar

  • Reply Zeilentänzerin 25. September 2019 at 15:25

    Ich habe die Rezension bewusst nicht gelesen, da ich das Buch noch lesen möchte. Aber der Einstieg und die Bewertung machen mich noch gespannter auf das Buch =)

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