Alexander Schimmelbusch: Hochdeutschland



Von einem, der alles ändern will und selbst nichts tut

Alexander Schimmelbusch, Hochdeutschland

Victor kann sein Siegerdasein als erfolgreicher Investmentbanker schon lange nicht mehr ernst nehmen. Ihn quält die Gewissheit, mit seinem Leben hinter den eigenen Erwartungen zurückgeblieben zu sein. Er versucht, einen Roman zu schreiben, er versucht, sich in seine Nachbarin zu verlieben und gründet schließlich eine Bewegung, deren romantische Lebendigkeit Victor erlösen wird. Er entwirft ein radikal-ökonomisches Wahlprogramm. Ein Manifest gegen die Ungleichheit. (zur Verlagsseite)

Alexander Schimmelbusch, Hochdeutschland Cover

Alexander Schimmelbuschs Roman „Hochdeutschland“ hat mich mit seinem wundervoll gestaltetem Cover schon in den Verlagsvorschauen angesprochen. Zugegeben, der Klappentext klang nicht hundertprozentig nach dem, was ich normalerweise lesen würde, aber es spielt im Taunus und das fand ich doch ziemlich spannend. Also zog „Hochdeutschland“ in mein Regal ein. Es geht um Victor, der – ganz nach seinem Namen kommend – ein echter Siegertyp ist. Er arbeitet als Investmentbanker und kann mit Geld nur so um sich werfen. Doch in seinem Privatleben läuft im Gegensatz zum Beruf alles schief: Er ist geschieden, sieht seine Tochter nicht allzu häufig und kann mittlerweile mit seinem Leben nicht mehr glücklich sein. Überall sieht er klaffende Ungerechtigkeiten, das Millionen, die er als Banker scheffelt, müssten viel mehr den sozialen Organisationen zugesteckt werden – eine Reichensteuer muss her, damit das Deutschland aus seinen Erinnerungen wieder aufleben und die Grenze zwischen arm und reich wieder verkleinert werden kann. Er schreibt ein politisches Manifest, das Deutschland wieder zur Blühte bringen soll, radikal ist es, und sein Kumpel, der Parteimitglied der Grünen ist, macht sich mit dem Manifest als Parteiprogramm als neue Partei einen Namen.

Sein eigenes Glück schmieden – was für ein verlogenes Bild.

„Hochdeutschland“ hat mich mit seinem Klappentext vermuten lassen, dass Victor ein selbst reflektierender Mensch ist, und das ist er auch in Ansätzen, aber was er zu meinem Leidwesen größtenteils ist, ist unsympathisch. Eigentlich müsste ein solcher Weltverbesserer, der sogar gute Ansätze und Ideen mitbringt, doch ein sympathischer Typ sein — Fehlanzeige! Victor schaut von seinem hohen Ross auf Deutschland herunter, findet, dass sich etwas ändern muss, aber wirklich aktiv wird er selbst nicht. Er fängt halbherzig einen Roman an, dessen Geschichte auch seitenlang erzählt wird und der Leser wird ebenfalls Zeuge des (zugegeben, sehr interessanten) Manifests, doch leider schafft Victor es nicht, sich zu einer Aktion aufzuraffen. Ausführender Hebel ist schließlich sein Freund Ali, mit dem er literarisch wertvolle Gespräche führt: »Ey, willst du wirklich diese Keule schwingen?« — »Die einzige Keule, die ich schwinge, ist meine osmanische Liebeskeule…«

Doch nicht nur die Dialoge zwischen Ali und Victor haben mir nicht zugesagt, sondern auch der Erzählstil. Schimmelbusch wirft mit großen Wörtern nur so um sich und das Gefühl entsteht, er möchte seinem Text ein wenig Erhabenheit verleihen. Die Charaktere im Buch bleiben auch lieblose Karikaturen, wenn Victor seine kleine Tochter mit „mein Kindchen“ anspricht, möchte man als Leser am liebsten schnell das Weite suchen. Selbst in den Passagen, in denen Victor sich an seine Kindheit zurückerinnert, seine Träume, seine Hoffnungen, bleibt der Leser stets distanziert und kann sich zu keinem Zeitpunkt in ihn hineinfühlen. Auch die Art, wie er seine Mitarbeiter schindet, ganz nach dem „überlieferten Protokoll“ der Investmentbanker und wie diese stets wie Sklaven arbeiten lässt, nur, weil es die Generationen vor ihm ebenso gemacht haben: zwei Stunden Schlaf im Büro, schnell im Wellnessbereich duschen, Kaffee, dann wieder ran ans Werk.

Julia zufolge war der kuriose Kadavergehorsam auf eine Spielart des Stockholm-Syndroms zurückzuführen: Die traumatisierten Lagerinsassen projizierten positive und sogar bewundernswerte Eigenschaften auf ihre Peiniger, um ihre Einwilligung in den eigenen maximalen Kontrollverlust vor sich selbst rechtfertigen und das willkürliche Reglement als legitim akzeptieren zu können.

Fazit: Das Gute an dem Buch war, dass es kurz war. So muss ich es leider formulieren. Das Einzige, was mir an „Hochdeutschland“ richtig gut gefallen hat, war der Ausblick, den Schimmelbusch gegeben hat: was geschieht, wenn sein Manifest tatsächliches Programm einer Partei wäre, die auch gewählt werden würde? Die Regierung Osman, geleitet von Freund Ali, wird bereits zum dritten Mal wiedergewählt; Victor macht sich derweil Sorgen um seine Ersparnisse, die er für seine Tochter angelegt hat, schließlich gibt es ja jetzt die Vermögenssteuer; Der „weiße Ritter“, wie Victor sich und andere Reiche, die Abgaben leisten sollen, in seinem Manuskript bezeichnet, schreitet nun zur Tat und das gefällt ihm gar nicht. Bleibt dem Leser die Frage: Schafft Victor das Manifest ausschließlich zur Gewissensreinigung? Ist er gar ein Heuchler?

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Dieses Rezensionsexemplar wurde mir freundlicherweise vom Klett-Cotta Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

Alexander Schimmelbusch, Hochdeutschland. Tropen im Klett-Cotta Verlag
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 214 Seiten
ISBN: 9783608503807
Erschienen: 10.03.18

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