Ausgelesen & Ausgelassen im Februar


Heute habe ich wieder zwei Bücher der asiatischen Literatur für euch in einem kleinen Sammelpost – eines hat mir sehr gut gefallen, das andere konnte mich leider weniger überzeugen.

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Banana Yoshimoto, Lebensgeister

Banana Yoshimoto, Lebensgeister Cover

Sayoko und ihr Freund Yôichi sind nach dem Ausflug in ein heißes Quellenbad auf der Heimfahrt, als ein Auto von der Gegenfahrbahn abkommt und auf sie zurast. Yôichi kommt ums Leben, Sayoko wird schwer verletzt. Seit diesem Unfall ist sie nicht mehr sie selbst. Zwar kann sie ihre Trauer lindern, indem sie sich um Yôichis Kunstwerke in seinem Atelier in Kyoto kümmert, doch sie lebt seitdem in einer merkwürdigen Zwischenwelt. Abends geht sie in eine Bar, um zu trinken. Barkeeper Shingaki, der ein Auge auf sie geworfen hat, passt auf sie auf. Und plötzlich bemerkt sie, dass sie sehen kann, was andere nicht sehen: die Geister von Verstorbenen. Sie macht die Bekanntschaft von Ataru, der ebenfalls mit seiner Trauer beschäftigt ist. Und in der wunderschönen Tempelstadt Kyoto lernt sie allmählich, das Leben so zu akzeptieren, wie es ist: voller Ungewissheiten und Rätsel, dem Tod immer nahe, egal, ob man jung ist oder alt.

Meine Meinung

Nachdem ich 2017 Banana Yoshimotos „Moshi Moshi“ gelesen hatte, zogen bei mir noch weitere ihrer Romane ein, darunter auch kürzlich „Lebensgeister“. Der unaufgeregte, leise Erzählstil der Autorin fühlte sich gleich an wie Nachhausekommen. Die junge Protagonistin kommt noch nicht mit dem Verlust ihres Partners zurecht und versucht, weiterzumachen. Das fällt ihr allerdings alles andere als leicht, und das mag vielleicht auch an der Tatsache liegen, dass sie seit dem Unfall nicht nur Farben, die nicht da sind, sieht, sondern auch Geister. Die halb durchsichtigen Menschen wabern herum und erinnern sie ständig daran, dass ihr Partner auch unter ihnen weilt. Doch er selbst erscheint ihr nie. Während sie also durch die Geister permanent mit dem Tod und der Nachwelt konfrontiert wird, lebt sie einsam in ihrer Trauer – bis sie den gleichgesinnten Ataru kennenlernt, der zu einem sehr guten Freund für sie wird. Gemeinsam versuchen sie, aus ihrer Trauer auszubrechen, doch besonders Sayoko, die sich richtiggehend vor dem Leben ziert, fällt das schwer. Sie sträubt sich stark dagegen, sich in den freundlichen Barkeeper Shingaki zu verlieben. Sayoko fühlt sich wie ein „schneeweißes, unbeschriebenes Blatt Papier“, weigert sich aber, etwas daran zu ändern.

Und so plätschert der Roman leise und melacholisch vor sich hin – was aber nicht negativ ist, sondern, ganz im Gegenteil, ziemlich schön. Das Mystische, das in japanischen Romanen zahlreich vertreten ist, bekommt in Banana Yoshimotos „Lebensgeister“ einen verträumten, romantischen Anstrich – toll!

Der Tod nimmt mit nicht mit dem Alter zu. Er ist immer bei dir, ganz nah. Nur das Denken an den Tod nimmt zu und nagt an der Illusion, vor dem Unausweichlichen noch eine Weile sicher zu sein.

Banana Yoshimoto, Lebensgeister | Diogenes Verlag | Taschenbuch, 160 Seiten | ISBN: 978-3-257-30042-0 | Erschienen am 28.09.16 | Zur Verlagsseite


 

Yukio Mishima, Bekenntnisse einer Maske

Yukio Mishima, Bekenntnisse einer Maske Cover

Kochan wächst, abgeschirmt von Jungen seines Alters, im imperialistischen Japan auf. Doch er merkt, dass er nicht das ist, was man von ihm erwartet: Nicht nur ist er körperlich schwächer als andere, er entwickelt auch eine Faszination für Tod, Gewalt und den männlichen Körper. Unter den strengen Blicken der japanischen Gesellschaft beginnt er, sich eine Maske zu formen, die sein wahres Selbst verbergen soll. Mehr noch: Er will sie sich als neue Identität aufzwingen. Das Mädchen Sonoko und die Heirat mit ihr soll alle, einschließlich ihn selbst, hinters Licht führen.

Meine Meinung

Dieser Roman, der bereits in den 40er-Jahren in Japan erschienen ist, gilt mittlerweile als echter Klassiker. Unser Protagonist merkt schon in jungen Jahren, dass er irgendwie anders ist. Anstatt wie andere Jungs seines Alters die Mädchen zu ärgern oder sich aufmüpfig zu verhalten, ist Kochan ein ruhiger, in sich gekehrter Junge, der sich sonderbare Geschichten ausmalt. Geschichten, in denen starke Ritter und hünenhafte Prinzen erstochen und gefoltert werden und schließlich sterben. Mehr und mehr gibt er sich seiner „schlechten Gewohnheit“ hin, von Männern in ihrer Blüte träumend. Doch Kochan merkt, dass das nicht das ist, was von ihm erwartet wird. Die damalige Kultur war aber noch eine andere und so erwartete und verlangte man von ihm, sich auch gefälligst wie ein Junge zu verhalten. In seiner Verzweiflung versucht er, sich zu verstellen, er setzt sich eine (metaphorische) Maske auf, die seinen eigentlichen Charakter, seine eigentliche Leidenschaft, versteckt. Nach und nach glaubt er selbst an diese Normalität, die er vorgaukelt, bzw. zwingt sich dazu. Bald beginnt ein Kampf in seinem Innersten, der ihn zu zerreißen droht.

„Bekenntnisse einer Maske“ wirft ein spannendes Thema auf: die Homosexualität im strengen Japan. Hier herrscht, wie Silke so schön schreibt, noch ein starkes kollektivistisches Bewusstsein, jede Andersartigkeit fällt sofort aus dem Rahmen. Doch so interessant auch dieses Thema und Kochans Umgang mit den Normen und Erwartungen ist, so zäh liest sich dieses Büchlein. Der gesamte Roman wird von dem inneren Monolog und den Gefühlen Kochans getragen, der Leser befindet sich quasi direkt in seinem Kopf. Obwohl man durch diese Erzählweise dem Protagonisten generell näher kommt, ist das hier leider nicht so: Zwischen Kochan und dem Leser besteht stets eine gewisse Trennung, man kommt ihm nicht nahe. Die nachdenkliche, sehr philosophische Erzählweise, die mich stark an Natsume Sōsekis „Der Bergmann“ erinnert hat, legt den Fokus auf das Innenleben Kochans und seiner Introvertiertheit. Ob es aber nun am Alter des vorliegenden Textes liegt oder es sich schlicht um den Stil des Autors handelt, kann ich leider nicht beurteilen; die schwere Lesbarkeit machte viele Passagen jedoch schon fast zäh und hemmte den Lesefluss. Im Vergleich zu Yoshimotos Werken fällt mir die Langsamkeit hier negativ ins Auge, da die Erzählsprache nicht vergleichbar ist. Deshalb und auch wegen der Trägheit insgesamt hat mir Yukio Mishimas Roman leider nicht so zugesagt. Schade!

Das Bewusstsein, einen normalen Menschen vorzutäuschen, zersetzte meine ursprüngliche Normalität, sodass ich mir immer wieder sagen musste, dass meine Normalität nur vorgetäuscht war. Umgekehrt glaubte ich langsam nur noch an die Fälschung.

Yukio Mishima, Bekenntnisse einer Maske | Kein & Aber Verlag | Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 224 Seiten | ISBN: 978-3-0369-5784-5 | Erschienen am 13.11.18 | Zur Verlagsseite

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