Frances Maynard: Wie Ellie Carr zu leben lernt



Authentisch, liebevoll und trotzdem nicht ganz rund. Ellie Carr wird ihrer wunderbaren Aufmachung nicht gerecht. Schade.

Frances Maynard, Wie Ellie Carr zu leben lernt

Ellie Carr ist 27 und weiß alles über Kekse. Menschliche Beziehungen hingegen liegen ihr überhaupt nicht. Denn Ellie ist Autistin. Als ihre Mutter nach einem Schlaganfall ins Krankenhaus kommt, muss die junge Frau erstmals für sich selbst sorgen und ihr Schneckenhaus verlassen. Mit Hilfe von Kochrezepten und Tipps aus Internetforen erstellt sie sich eine Liste mit »sieben Regeln für den Umgang mit Menschen«, an die sie sich eisern hält. Doch leider erweisen sich diese Regeln im Dschungel des menschlichen Miteinanders als völlig unzuverlässig. (zur Verlagsseite)

Wie Ellie Carr zu leben lernt von Frances Maynard, Cover

Auf der Buchmesse noch bewundert, zog „Wie Ellie Carr zu leben lernt“ von Frances Maynard neulich bei mir ein. Die liebevolle Gestaltung und Liebe zum Detail hebt den Wunderraum Verlag doch schon sehr von so manch anderem Verlag ab. Alle Bücher, die im Wunderraum Verlag erschienen sind, sind kleine Kunstwerke: Bedrucktes Lesebändchen, gemustertes Vorsatzpapier, besonders edle Bindung — all das lässt das Herz eines jeden Lesers höher schlagen. Wenn dann der Inhalt der Bücher auch noch  stimmen würde — doch hier hat mich dieses Buch ein wenig enttäuscht. Doch worum geht es eigentlich? Ellie ist 27, Autistin und wohnt bei ihrer Mutter, die sie vollständig unter ihrer Fuchtel hält. Das Set-Up hat mich doch ein wenig an „Eleanor Oliphant“ erinnert, die auch nicht gut mit Menschen kann und auch unter ihrer Mutter leidet. Doch was bei Eleanor grandios umgesetzt wird, hat hier seine Höhen und Tiefen: Nachdem Ellies Mutter ins Krankenhaus muss und nicht wiederzukommen scheint, muss sie sich alleine in der Welt zurecht finden. Zum Glück hat sie noch ihre liebe Nachbarin Sylvia, die ihr mit Rat und Tat beiseite steht, aber dennoch kann sie Ellie nicht vor allen Gefahren beschützen, die hinter der Haustür auf die lauern. Und so muss Ellie auf eigene Faust lernen, wer ihr Freund ist und wer nicht, was diese ganzen Redewendungen bedeuten und wieso ihr Vater nicht der gewesen zu sein scheint, der er vorgab zu sein.

Ellie hat es wirklich nicht leicht. Ihre Mutter spukt ihr Tag und Nacht im Kopf herum, während sie versucht, Familiengeheimnisse zu entschlüsseln und mit der Welt klarzukommen. Als Autistin hat sie es schwer, mit Menschen zu sprechen und Dinge zu verstehen, die für den Leser doch allzu offensichtlich ist. Ellie tastet sich jedoch im Laufe des Buches immer weiter voran und gerät in Situationen, die keine Frau jemals erleben sollte und findet sich zudem noch inmitten von den Familienstreitigkeiten ihrer Nachbarin wieder — und sie soll der Verursacher sein. Durch ein Internetforum erfährt sie schließlich, dass sie nicht die Einzige „ihrer Art“ ist und sie beginnt, sieben Regeln aufzuschreiben, die ihr es leichter machen sollen, mit Menschen zu kommunizieren und dem Mythos „Kommunikation“ auf den Grund zu gehen:

[…] Die Website behauptet, Normale wüssten immer instinktiv, wie sie sich verhalten sollen. Menschen mit meinem Leiden jedoch müssten das lernen. Mein Kiefer verkrampfte. […] Warum waren es die Menschen mit meinem Leiden, die sich ändern mussten? Tränen standen mir in den Augen, als ich die Daunendecke wegstieß. Weil Menschen mit meinem Leiden in der Minderheit waren: Normal war nun einmal der Lauf der Welt.

Dieses Buch erzählt glaubwürdig von jemandem, der sein ganzes Leben behütet daheim verbracht hat und den ersten tapsigen Schritten nach draußen. Es ist schön, Ellie zu beobachten und ihr zuzuschauen, wie sie immer besser mit den Schwierigkeiten, die die Welt bereithält, zurecht kommt, und doch fehlt etwas.

Frances Maynard, Wie Ellie Carr zu leben lernt

Dieses Buch basiert auf einer so wunderbaren Idee, liebevollen Charakteren und einer schönen Erzählsprache. Doch leider leidet das Buch unter deutlichen Spannungsabfällen, die meiner Meinung größtenteils der Länge geschuldet sind. 440 Seiten lang ist Ellies Reise nämlich. Teilweise kam es mir so vor, als wurden ganze Passagen gestreckt und die Autorin würde versuchen, diese noch möglichst mit dem Gedankenwusel Ellies zu füllen. Die Rückblenden an das „heile Familienleben“, an das sich Ellie noch Wort für Wort erinnert, sind im Gegensatz zu manchen Erlebnissen in der Gegenwart spannend erzählt und als Leser freut man sich darauf, mehr von der Vergangenheit zu erfahren. Ellies Alltag ist einfach nach gut der Hälfte des Buches irgendwie weniger lesenswert, auch wenn gewisse Ereignisse sich erst dann zutragen. Erst gegen 100-120 Seiten gegen Ende nimmt die Geschichte wieder an Fahrt auf, sodass ich diesen Abschnitt in einem Rutsch gelesen habe. Der Mittelteil jedoch… hätte kürzer ausfallen dürfen. Es gibt einen Handlungsstrang mit Sylvias Familie, der Ellies Geschichte aber ein wenig stört, und meiner Meinung nach hätte es diesen Familienwirrwarr auch nicht gebraucht.

Ich betrachtete die Tabelle mit den Sieben Regeln, sie war ein bisschen verblasst und hatte umgeknickte Ecken; manche Notizen und Erklärungen waren ein bisschen verschmiert, weil ich mit dem Finger darübergefahren war. […] Ich hatte die Regeln alle gelernt, manche auf schmerzhafte Weise. Und ich hatte angefangen, sie zu verstehen.

Frances Maynard, Wie Ellie Carr zu leben lernt

Fazit: Ellie Carr ist ein Charakter, der dem Leser auch nach der Lektüre noch im Gedächtnis bleibt. Ihre Geschichte ist schön zu verfolgen, ihre Entwicklung ist wundervoll. Was weniger wundervoll ist, ist der Fluss der Geschichte, der sich in der Mitte des Buches erschöpft zu haben und auf einen toten Punkt zuzusteuern scheint. Doch auf den letzten 100 Seiten nimmt die Story wieder Fahrt auf und man geht mit einem halbwegs guten Gefühl aus dem Buch heraus. Frances Maynard hat hier definitiv mit ihrer Liebe zum Detail eine runde Protagonistin geschaffen, alle anderen Charaktere erscheinen neben ihr doch ein wenig flach und ungenau. Die Geschichte ist jedoch durchaus lesbar; ideal für ein faules Wochenende. Von mir gibt es allerdings nur eine eingeschränkte Leseempfehlung, da mich viele Kleinigkeiten gestört haben und ich das ganze Buch unterbewusst wohl mit Eleanor Oliphant verglichen habe, gegenüber dem es leider nicht so gut wegkommt.

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Dieses Rezensionsexemplar wurde mir freundlicherweise vom Wunderraum Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

Frances Maynard, Wie Ellie Carr zu leben lernt. Wunderraum Verlag
Gebundenes Buch, 440 Seiten
ISBN: 9783336547906
Erschienen: 16.10.2017

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