John Darnielle: Rekorder



»Rekorder« konnte nur mit seinem Klappentext überzeugen. Tolle Idee, leider komplett ohne Spannung und Tiefgang.

John Darnielle, Rekorder

In einer Kleinstadtvideothek in Iowa tauchen seltsame und unheimliche Filmschnipsel auf den Leihkassetten auf. Dunkle und grobkörnige Szenen, die eine Scheune zeigen, darin ein leerer Stuhl, Atemgeräusche sind zu hören. In späteren Clips taucht eine Frau auf, erst gefesselt und mit einer Kapuze über dem Kopf, dann durch ein Maisfeld laufend – auf der Flucht vor dem Kameramann. Der Videotheksmitarbeiter Jeremy will nichts mit der Sache zu tun haben, doch als seine Freundin Stephanie die Scheune in den Filmszenen wiedererkennt, muss er handeln. Die Suche nach der Wahrheit hinter den Videos führt Jeremy und Stephanie in die Vergangenheit. (zur Verlagsseite)

John Darnielle, Rekorder Cover

Als ich den Klappentext von John Darnielles „Rekorder“ zum ersten Mal überflogen hatte, klang das alles nach einem sehr spannenden Buch, vielleicht sogar ein wenig zu gruselig für mich. Obwohl ich kein Fan von Thrillern, Krimis und Horror-Büchern bin, habe ich mich getraut und „Rekorder“ gelesen. Doch der Klappentext wurde irgendwie nicht umgesetzt. Klar gab es diese gruseligen Filmschnipsel auf den Kasssetten, aber von Spannung, Horror oder Psycho-Thriller keine Spur. Das Buch ist in mehrere Teile gegliedert, die verschiedene Handlungsstränge aufgreifen: Während wir zu Beginn des Buchs die mysteriösen Ausschnitte auf den Kassetten in einer Videothek Ende der 90er kennenlernen und die Protagonisten Jeremy und Sarah Jane, die Inhaberin der Videothek, versuchen, sich darauf einen Reim zu machen, landen wir in einem anderen Part plötzlich mitten in den 50ern, wo die Mutter der Frau, die vermeintlich in den Videos zu sehen ist, aufwächst, ihren Mann kennenlernt und sich der Religion zuwendet. Die Videotheksinhaberin freundet sich derweil in den 90ern mit Lisa an, während Jeremy und eine Bekannte namens Stephanie sich immer mehr mit den Bändern beschäftigen. Wer hat sie aufgezeichnet? Was ist hier wirklich zu sehen? Und sollte sich nicht jemand an die Polizei wenden?

Ich muss gestehen, dieses Buch hat mich mehr verwirrt als alles andere. Die Erzählstränge waren besonders zu Beginn des Buches nicht überschaubar und nach dem ersten Wechsel aus den 90ern und hinein in die 50er denkt man sich als Leser „Wie, das wars jetzt?“ Zugegeben, der Part über Lisas Mutter und Vater, das bescheidene Leben in Iowa, all das hat mich mehr interessiert als die eigentliche Haupthandlung in der Videothek. Dass man hier die Hintergründe erfährt über Lisa, die natürlich die Protagonistin der Videos ist, wird relativ schnell klar, doch der wirkliche Knackpunkt erfolgt erst, nachdem man 200 Seiten tief im Buch ist. Man erfährt, was Lisas Mutter dazu gebracht hat, das zu tun, was sie getan hat, und wie Lisa damit ihr Leben lang umzugehen versucht. Dass Jeremy in der Haupthandlung in den 90ern charakteristisch nur angerissen wird und keinen wirklichen aktiven Part hat, finde ich sehr schade. Generell sind die Charaktere, bis auf Lisas Mutter, meiner Meinung nach allesamt nur Skizzen und sehr wenig ausgefleischt — mit Ausnahme vielleicht von Jeremys Vater, der nach dem Tod seiner Frau versucht, sein Leben irgendwie weiterzuleben. Nicht einmal Jeremy, den eigentlichen Protagonisten, lernen wir genug kennen, damit er uns sympathisch werden könnte. Generell finde ich keinen einzigen Charakter aus „Rekorder“ sympathisch oder könnte mich mit ihm identifizieren, weil einfach die Substanz fehlt.

Wenn das Schreckgespenst der Monotonie, der er entkommen ist, sich später manchmal in seiner Erinnerung erhebt, ist es wie mit der eigenen Kindheit: eine vollkommen andere Zeit, ein Planet, auf den man nie zurückkehren kann, sobald man ihn einmal verlassen hat, ein Schoß, der einen nährte, bis man bereit war, selbst zu atmen.

„Rekorder“ zeugt von einem guten Schreibstil, der sich auch flüssig liest – das Buch habe ich an einem Tag gelesen – aber irgendwie kommt diese Spannung, von der der Klappentext zeugt, nicht auf. Ehrlich gesagt kommt gar nichts auf, die später folgende Erklärung zu den Videos ist ernüchternd. Der Erzähler spricht an einigen Stellen in der Ich-Perspektive oder berichtet, wie die Geschichte auch ausgehen hätte können, wenn dieser oder jener Charakter in einer perfekten Welt gelebt hätten; diese Stellen haben mir sehr gut gefallen und ich hätte mir mehr davon gewünscht.

Fazit: Eine tolle Idee, auch die verschiedenen Handlungsstränge finde ich sehr gut angelegt, aber es fehlt überall an Substanz, es stellt sich keine Spannung ein, die Charaktere sind allesamt flach, und einen Eindruck hinterlässt „Rekorder“ leider auch nicht. Wirklich schade, denn das Äußere des Buchs und auch die Aussage „für Fans von Michael Chrichton“ sagen für mich „Vorsicht Thriller!“ — Krimi- und Thrillerfans also lieber Hände weg, denn hier erhaltet ihr das psychologische Portrait eines verlassenen Kindes und keine Spannung pur.

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Dieses Rezensionsexemplar wurde mir freundlicherweise vom Bastei Lübbe Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

John Darnielle, Rekorder. Eichborn Verlag
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 284 Seiten
ISBN: 9783847900290
Erschienen: 21.12.17

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