Matthew Quick: Anstand



Politisch unkorrekt, schlagfertig und mit einer großen Portion Herz hat sich Quick in meine Highlight-Liste geschlichen.

Matthew Quick, Anstand

Er liebt sein Land, das er nicht mehr versteht. Er hasst die Liberalen. Er schläft nicht ohne seine Waffen. Er ist das Gegenteil von politisch korrekt. Er ist unbequem. Er liebt seine Enkelin Ella über alles. Er hat einen Gehirntumor, für den er das Agent Orange aus dem Vietnamkrieg verantwortlich macht. Er überlebt die Operation. Er nimmt die letzte Chance wahr, sich mit seiner Vergangenheit, seinem Sohn und seinem Erzfeind aus dem Krieg, Clayton Fire Bear auszusöhnen. Er heißt David Granger, 68 Jahre, Vietnamveteran. Er ist: Ein Mann mit Anstand. (zur Verlagsseite)

Matthew Quick, Anstand Cover

Matthew Quicks „Anstand“ war meinem Gefühl nach in aller Munde, weshalb auch ich mir dieses Buch näher angeschaut habe. Während das Cover mich nicht angesprochen hat (Ich mag einfach keine Menschen auf Covern), war es der Klappentext, der mich angelockt hat. Der Originaltitel des Buchs ist „The reason you’re alive“, was meiner Meinung nach ein wenig schlecht ins Deutsche übertragen wurde, nimmt diese Phrase doch eine große Rolle im Buch ein. Doch zunächst einmal zum Inhalt: Unser Protagonist, David Granger, ist ein Vietnamveteran und hat sich sein Leben lang selbst Meinungen zu allem und jedem gemacht, ohne an so etwas wie politische Korrektheit und Einfühlvermögen zu denken. Er ist ein „echter Mann“, wie er es nennen würde, vergießt keine „Weicheitränen“, weiß, wie das Leben funktioniert und kommt mit seiner Vergangenheit klar — dachte er zumindest. Denn der Krieg ist immer noch in ihm, verfolgt ihn und lässt ihn nur dank der Medikamente ruhig schlafen. Daniel überlebt einen Gehirntumor, den man ihm wegoperiert, der ihm zufolge ausschließlich durch Uncle Sam, seiner Kriegsmaschinerie und Agent Orange erst entstanden ist. Er ist der Überzeugung, dass man ihm nicht nur den Tumor, sondern auch gewisse Teile seiner Erinnerungen herausgeschnitten hat, um die Grauen des Krieges zu vertuschen. Daniels Sohn Hank (der eigentlich Henri heißt, doch Daniel kann die „Scheißfranzosen“ nicht leiden und gibt ihm einen amerikanischen Namen) nimmt Daniel nach einigen Vorfällen bei sich auf und so beginnt die Rehabilitation von Daniel, der nicht nur mit sich selbst und seiner Vergangenheit Frieden schließen muss, sondern auch mit seinem Sohn, den er mit seiner Art regelmäßig vor den Kopf stößt.

Wir wussten nicht, welches Grauen schon auf uns wartete. Die Anzeichen waren unübersehbar, aber wir blendeten das Offensichtliche lieber aus. Ich würde, ohne zu zögern, mein Leben dafür geben, wenn ich die Zeit zurückdrehen und meiner Frau sagen könnte, dass sie nie wieder in den Scheißsupermarkt gehen muss und dass ihre Kunst der beste Beitrag zu unserem Familienleben war, den sie je leisten konnte. Aber das kann ich nicht.

Ich hätte nicht erwartet, dass mir „so ein Buch“ Spaß machen könnte. Zum Einen mag ich keine Bücher, die wie auch immer mit Krieg zu tun haben, noch irgendwelche rassistischen Charaktere – es sei denn, als Antagonist. Doch David handelt komplett gegensätzlich zu seinen politisch unkorrekten Aussagen, was man an seinem Umgang und seiner Lebensweise schnell erkennt. Er versprüht trotz seiner Feindseligkeit einen gewissen Charme, weil er nun mal eben so ist, wie er ist, und sich nichts vormachen lässt. Und ob es nun die „Holzschuhe tragende Windmühlenschlampe“ von Holländerin ist, die sein Sohn geheiratet hat, oder die „gelben Schweinebacken“, die er im Vietnamkrieg getötet hat, Daniel Granger ist sich um keinen Spruch verlegen und haut immer direkt heraus, was er denkt. David kann aber nicht nur durch seine oftmals sprachlos machende Art überraschen, sondern überzeugt vor allem durch seine Persönlichkeit. Matthew Quick hat hier wirklich handfeste, ausgefleischte Charaktere kreiert, nicht nur Daniel, sondern auch sein ganz gegensätzlicher Sohn und sein Veteranenfreund Frank sind so liebevoll und detailliert gezeichnet, dass man nach Beenden des Buchs doch fast den Eindruck hat, einen guten Freund verloren zu haben.

„Anstand“ konnte mich außerdem mit so vielen weiteren Aspekten vollkommen überzeugen, nicht nur die wahnsinnig runden Charaktere, sondern auch der Schreibstil, der Plot und hach, einfach alles war irgendwie gut. Die gesamte Geschichte hat mich im Nachhinein auch tiefer berührt als anfänglich gedacht, die Story spinnt ihre Fäden: Wir erfahren über die Vergangenheit Daniels, seine Zeit im Krieg, seinen Erzfeind Clayton Fire Bear, den er, um Frieden zu finden, nach all den Jahren erneut aufsuchen möchte. Dem Leser wird Daniels Beziehung zu seiner verstorbenen Frau Jessica, einer Künstlerin, und wie die beiden sich damals kennen gelernt haben, offenbart, und es tut richtig im Herzen weh, wenn man relativ zu Beginn des Buchs erfährt, wie sie von uns gegangen ist und wie das alles mit Hank zusammen hängt. Nicht zu vergessen das Grande Finale, bei dem sogar einem hartgesottenen Leser wie mir die Tränchen gekommen sind — „Weicheitränen“, wie Daniel sagen würde.

Ich hab mal gehört, dass ein Mann sich nur einmal wirklich verliebt, und ich glaube, das stimmt, weshalb ich nach Jessicas Tod nie wieder geheiratet habe. Wozu auch? Etwas Besseres hätte ich ohnehin nie finden können. Jessica war Kartoffelpüree mit Butter. Die anderen Frauen auf der Welt würden für mich immer das Pendant zu Hanks Blumenkohlpüree sein, fade und unbefriedigend. Soll er es ruhig herzgesund nennen, aber das Herz weiß verdammt gut, was es will, und Blumenkohl zählt meistens nicht dazu.

Fazit: Matthew Quick legt hier ein charmantes, witziges, aber auch herzergreifendes Werk vor, das mit seinen wunderbaren Charakteren, der grandiosen Story und einer fluffif-leichten Erzählsprache überzeugen kann. Die Grauen des Kriegs sind in diesem Buch zwar omnipräsent, da wir die Geschichte durch Daniels Augen sehen, jedoch schafft der Autor es, eine gute Balance zu finden zwischen Erinnerungen und Flashbacks und Daniels heutigem, kriegsfremden Leben. „Anstand“ hat es definitiv in meine Liste der bisherigen Highlights geschafft und ich lege jedem, wirklich jedem von euch dieses Buch ans Herz. Bisher habe ich tatsächlich nichts vom Autor gelesen, abgesehen von ein paar Seiten „Die Sache mit dem Glück“, das sprachlich allerdings viel weniger derb ist. Vielleicht hat da jemand eine zweite Chance verdient. 

katzekatzekatzekatzekatze

Dieses Rezensionsexemplar wurde mir freundlicherweise vom HarperCollins Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

Matthew Quick, Anstand. HarperCollins.
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 271 Seiten
ISBN: 9783959671354
Erschienen: 09.10.2017

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3 Kommentare

  1. Hey!
    Eine wirklich tolle Rezension, das klingt super interessant.
    Danke für den Tipp, mir ist das Buch vorher nicht begegnet.
    Die Zitate gefallen mir richtig gut. Der Stil spricht mich total an.

    Liebe Grüße,
    Nicci

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