Meir Shalev: Meine russische Großmutter



Ein humoristisches, aufschlussreiches Portrait einer Familie und des familieneigenen Putzteufels — Großmutter Tonia.

Meir Shalev, Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger

Tonia, in den zwanziger Jahren aus Russland nach Israel eingewandert, ist eine starke, eigensinnige Frau, und sie hat einen großen Feind: den Schmutz. Ihm hat sie den Kampf angesagt. Kein leichtes Unterfangen in der ländlichen Jesreel-Ebene. Denn im jungen jüdischen Staat sind Chaos, Staub und Schlamm allgegenwärtig, und ihre weitverzweigte Familie tut ihr Übriges, das Durcheinander zu vermehren. Da schickt Tonias Schwager ihr aus dem fernen Amerika eine Wunderwaffe … Meir Shalev zeichnet mit Zärtlichkeit und Humor ein sehr persönliches Porträt seiner Großmutter und erzählt zugleich die Saga seiner Familie: einer Sippe von Pionieren und Dichtern, Lehrerinnen und Exzentrikern – allesamt begnadete Geschichtenerzähler, deren sich lustvoll widersprechende Stimmen eine wahre Geschichte heraufbeschwören, neben der so manche Erfindung der Phantasie verblasst. (zur Verlagsseite)

Meir Shalev, Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger Cover

Nachdem ich letztes Jahr bereits Meir Shalevs „Mein Wildgarten“ gelesen hatte und ziemlich begeistert von Shalevs Erzählsprache war, musste doch auch gleich nach Erscheinen sein neues Buch „Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger“ in mein Regal einziehen. Doch Halt, so neu war es dann doch nicht, ist es doch bereits 2012 erschienen — lediglich die Ausgabe war eine neue, im kleinen Diogenes Deluxe Hardcoverformat und mit Lesebändchen. Hübsch! Meir Shalev erzählt hier mit seiner wundervollen Sprache Anekdoten und kleine Gegebenheiten von seiner Familie, im Mittelpunkt steht aber seine Großmutter Tonia, die im Kampf gegen den Schmutz penible Hausregeln hat, und wie es dazu kam, dass sie einen hochmodernen amerikanischen Staubsauger geschickt bekam — und dieser nach kurzer Benutzung sicher in einem abgeschlossenen Schrank verstaut wurde und erst Jahre später wieder das Tageslicht sehen sollte. Doch um die Geschichte um den Staubsauger verstehen zu können, muss man die Familie des Autors kennen lernen, und so holt Shalev weit aus und erzählt uns seine Familiengeschichte ab ungefähr 1920 bis zum Zeitpunkt, als seine Großmutter stirbt, gute 60 Jahre später.

Meir Shalevs Großmutter Tonia war schon eine Verrückte: Bekam sie Besuch, durfte dieser unter keinen Umständen das Haus betreten, sondern musste stets zur Hintertür gelaufen kommen, um sich auf die Terrasse zu setzen. Dort fand dann auch der Besuch statt, in die Wohnung gegangen wurde nur bei größeren Familienfeiern. Da Schmutz ihr größter Feind war, hatte Tonia einige „Macken“, was Sauberkeit anging: Das Badezimmer durfte nicht zum Baden benutzt werden, dafür gab es draußen im Garten einen Trog, und die Toilette wurde nur benutzt, um Kuchen zum Auskühlen darauf abzustellen. Weiterhin zierten Lappen jeden Türgriff, jede Klinke und Griffe von Schubladen und Schränken, damit ja kein Dreck von der Hand auf das Mobiliar überging. Wem das schon zu viel des Wahnsinns ist, liest am besten gar nicht weiter, denn Meir Shalevs Familie ist alles andere als normal. Als der Schwager Tonias nach Amerika zieht und dort gutes Geld verdient, weigerte sich sein Großvater stets, die per Post gesendeten Schecks einzulösen und schickte sie unbesehen in die USA zurück. Um Shalevs Großvater ein Schnippchen zu schlagen, schickte der Schwager einen großen, schweren, klobigen Staubsauger nach Isreal, in dem Wissen, dass der Empfänger weder das Geld hat, diesen zurückzuschicken, noch dass Großmutter Tonia diesen freiwillig zurückgeben wird. Doch diese Rechnung hat er ohne Tonia gemacht.

Die menschliche Erinnerung erwacht und erlischt, wie sie will. Sie verdunkelt oder beleuchtet Ereignisse, vergrößert oder verkleinert die handelnden Personen, erniedrigt und erhöht nach Belieben. Wenn man sich ruft, entschlüpft sie, und kehrt sie wieder, dann wo und wann es ihr passt. […] Geschichten vermengen sich, Tatsachen treiben neue Sprossen.

Meir Shalev erzählt in diesem kleinen Büchlein von seiner wunderbar durchgeknallten Familie, die sich stets in Acht nimmt vor den Launen Tonias. Als besagter Staubsauger nämlich in einen Schrank verbannt wird, da er „innen drin ganz dreckig“ ist, brodelt die familiäre Gerüchteküche natürlich über und jeder hat seine eigene Version, wie sich die Dinge um den Staubsauger, der stets Sweeper (immer mit russischem Akzent ausgesprochen!) genannt wird, zugetragen haben mögen. Shalev nimmt dabei seine Verwandtschaft auf die Schippe und erzählt in seiner ganz besonderen Erzählweise zahlreiche Anekdoten seiner Familie.

Fazit: Ein tolles, humoristisches Portrait von Shalevs Familie — und ganz besonders von seiner Großmutter. „Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger“ erzählt nicht nur die titelgebende Geschichte, sondern noch viele weitere und lädt zum Schmunzeln ein. Shalevs Familie ist sympathisch, chaotisch und vor allem eins: ein Haufen Geschichtenerzähler! Die Wahrheit verschwimmt vor lauter Versionen derselben Geschichte und Shalev nimmt sich die Freiheit, seine Großmutter Tonia so zu portraitieren, dass es eine gute Mischung aus Realität und Fiktion ergibt, eine, die sie selbst auch lesen würde.

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Dieses Rezensionsexemplar wurde mir freundlicherweise vom Diogenes Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

Meir Shalev, Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger. Diogenes
Gebundenes Buch, 374 Seiten
ISBN: 9783257261448 
Erschienen: 28.03.18

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