Michel Faber: Das Buch der seltsamen neuen Dinge



Ein Genre-loses Werk, das mit einer einzigartigen Story-Idee überzeugt, aber ein wenig langatmig ist.

Michel Faber, Das Buch der seltsamen neuen Dinge

Was verbindet zwei Menschen, selbst wenn sie Lichtjahre voneinander entfernt leben? Pastor Peter Leigh wird auf die Reise seines Lebens geschickt: Er soll auf einem mehrere Galaxien entfernten Planeten die dortigen Einwohner missionieren. Während Peter sich schnell an die Besonderheiten des fremden Planeten gewohnt, durchlebt seine Frau Bea auf der Erde eine tragische Zeit. In ihren Nachrichten aneinander versuchen sie, ihre Liebe aufrechtzuerhalten. Wie können sie diese gewaltige Distanz, der noch nie zuvor eine Beziehung ausgesetzt war, überbrücken, um ihre Liebe und ihr gemeinsames Leben zu retten? (zur Verlagsseite)

Michel Faber, Das Buch der seltsamen neuen Dinge Cover

Ein mysteriöser goldener Brief trudelte vor einer Weile in meinem Briefkasten ein, ein Brief von einem Peter, der sich an einem verrückten Ort zu befinden scheint. Später dann die Auflösung: Es handelt sich um Michel Fabers von seinen Fans lang ersehnten neuen Roman „Das Buch der seltsamen neuen Dinge“. Ein wunderschönes Cover, eine wahnsinnig interessante und originelle Geschichte, doch schreckte mich die Länge dieses Buches mit seinen fast 700 Seiten ab. Doch der Kein & Aber Verlag war anscheinend so davon überzeugt, dass mir dieser Wälzer gut gefallen wird, denn kurze Zeit nach dem goldenen Briefchen fand ich den kleinen Klops wartend im Briefkasten. So viel kann ich schon vorwegnehmen: Wie gut, dass ich ein wenig zum Lesen „genötigt“ wurde! 🙂 Die Grundidee der Geschichte ist auch schnell zusammengefasst: Ein Pastor namens Peter soll seine Frau Bea, seinen Kater Joshua und vor allem seinen Heimatplaneten zurücklassen, um auf einem fremden Planeten namens Oasis zu missionieren. Die dort ansässigen Außerirdischen kennen Jesus und die Bibel (das „Buch der seltsamen neuen Dinge“) bereits, doch sind die vorherigen Priester verschwunden und Peter soll der Ersatz sein. Spannende Fragen kommen nach den ersten Seiten direkt in meinen Sinn: Wie sieht der Planet aus, wie die Außerirdischen? Wie kann Peter sich mit ihnen verständigen? Wieso haben Aliens auf einem fremden Planeten Bedarf nach Religion? Und wird Bea Peters Abwesenheit verkraften? Und ist Jesus auch für die Sünden der Oasier gestorben, lässt sich eine Religion einfach auf eine andere Spezies auf einem fernen Planeten übertragen?

Sein ganzes Leben – das begriff er, als jetzt die Fassaden der unbekannten Stadt vor ihm aufragten, Horte unvorstellbarer Wunder –, sein ganzes Leben gipfelte in diesem Moment.

Michel Fabers Werk lässt sich keinem Genre so richtig zuordnen, deshalb hat sich zunächst auch kein deutscher Verlag „erbarmt“, sein Buch zu verlegen. Zu religiös, zu esoterisch, zu viel Science Fiction. Doch so richtig Sci-Fi ist es nicht, genauso wenig wie ein Religionsratgeber. „Das Buch der seltsamen neuen Dinge“ lässt sich nur ganz schwer in eine Schublade stecken, und das macht dieses Buch — neben der fantastisch originellen Story — zu etwas Besonderem. Der Autor erzählt die Geschichte um Peter und Bea und ihre „Fernbeziehung“ so emotional geladen, dass man als Leser richtig mitfiebern muss. Als es endlich zum ersten Zusammentreffen zwischen Peter und den Außerirdischen kommt, war ich dann so in der Story versunken, dass mich deren Art anfangs noch gar nicht gestört haben. Doch nach 300, 400 Seiten kommen Fragen auf: Warum interessieren sich diese Aliens für eine Religion von der Erde? Wie kommt es, dass die Außerirdischen einigermaßen Englisch sprechen können — Wie lange geht diese Mission bereits? Was kann ein christlicher Gott den Oasiern bieten? Leider bleiben diese Fragen leider unbeantwortet, Peter scheint sich selbst auch nicht zu wundern, wieso dieser Bedarf besteht.

Michel Faber, Das Buch der seltsamen neuen Dinge

Der Erzählstil Fabers gefällt mir gut, atmosphärische (teils etwas langatmige) Beschreibungen der Szenerie erschaffen ein lebendiges Bild von Oasis und den Menschen, die dort arbeiten und leben. Peter und Bea sind runde Charaktere, jeder von ihnen erhält eine umfassende Hintergrundstory, und der Eindruck entsteht, es könnte sich um reale Personen handeln. Wir erfahren, dass Peter vor seiner Zeit als Pastor obdachlos, drogenabhängig und Alkoholiker war und die Liebe zu Gott sein Leben um 180 Grad gewendet hat. Obwohl ich Atheist bin, hat es mir gefallen, von seinem Lebensweg zu lesen und wie der Glaube an Gott ihm geholfen hat, sein Leben zum Besseren zu bekehren. Dass er daher Pastor geworden ist, erscheint plausibel. Generell erscheint mir alles an Michel Fabers Welt realistisch, sogar der fremde Planet, selbst wenn es dort eine Art „tanzenden Regen“ gibt, der schon ein wenig surreal anmutet. Aber andererseits: Was wissen wir schon von fremden Planeten in fernen Galaxien und deren Physik und Umwelt? Richtig, nicht viel. Daher erscheint es mir überhaupt nicht unplausibel, dass es einen Planeten ohne Seen und Meere geben kann, auf dem trotzdem Leben entstanden ist. Faber macht hier alles richtig, und dennoch hatte ich das Gefühl, dass er sich zu viel Zeit gelassen hat, seine Erzählung auf den Punkt zu bringen. 680 Seiten sind doch arg lang, und von wie vielen Besuchen Peters bei den Oasiern muss man erfahren?

Im Endeffekt hat mich am meisten gestört, dass es keine wirklichen Antworten auf meine Fragen gab — Peter fragt sich zu keinem Zeitpunkt, ob das Christentum geeignet für die Oasier ist, bemerkt während der Vermittlung der einzelnen Passagen zwar, dass die Außeridischen für gewisse Dinge keine Wörter haben und auch Konzepte, die für uns alltäglich sind, nicht verstehen, kommt darüber aber nicht ins Zweifeln, ob seine Tätigkeit auf Oasis überhaupt Sinn macht.

»Wir fürchten den Tod«, bestätigte Freund eins. »Doch Furcht hält Leben nicht im Körper, wenn Leben vorbei. Nichts kann Leben im Körper bewahren. Nur der Herr Gott.«

Fazit: Michel Faber hat hier ein ordentlich dickes Werk vorgelegt, das sich keinem Genre eindeutig zuordnen lässt. Die einzigartige Geschichte um das durch viele Lichtjahre getrennte Ehepaar fasziniert und fesselt — jedoch nicht alle 690 Seiten lang. Die neue Welt ist interessant und man möchte gerne mehr darüber erfahren, doch dies ist dem Leser ebenso wie dem Protagonisten erst im letzten Viertel vergönnt. Die Motive von USIC, dem leitenden Unternehmen, werden auch erst nach und nach klar, wodurch sich ein netter Spannungsbogen gegen Ende aufbaut. „Das Buch der seltsamen neuen Dinge“ ist dennoch nicht für Jedermann geeignet — wer sich gerne mal schwer tut mit religiösen Themen oder langsame, beschreibende Literatur nicht zu seinen Lieblingsdingen zählt, wird mit Fabers Werk vielleicht weniger Spaß haben. Wer jedoch Lust hat auf ein interstellares Abenteuer, eine neue Spezies kennenlernen möchte und den Aspekt der Liebesbeziehung durch die Ferne schätzt, findet hier womöglich sein nächstes Lieblingsbuch. Ich vergebe 3 ½ Sterne, da mir zu viele Fragen unbeantwortet blieben und nicht kritisch hinterfragt wurden.

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Michel Faber, Das Buch der seltsamen neuen Dinge. Kein & Aber
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 688 Seiten
ISBN: 9783036957791 
Erschienen: 16.03.18

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2 Kommentare

  1. Hmmm kann es vielleicht sein, dass die Story adaptiert wurde? Das klingt einfach unglaublich nach „Oasis“ der Amazon Prime Serie. Da waren mal 2 Folgen oder so gelaufen. Das war einer dieser Abstimm Serien. Ich fand die so unheimlich spannend und irgendwie erinnert mich die Rezi sehr daran. Ich werde mir das Buch auf jeden Fall zulegen! 🙂 Danke!

    1. Ja, genau! Danke, dass du mich daran erinnerst! Leider wurde nach dem Pilot nichts mehr geliefert von Amazon und aktuell kann ich’s auch nicht schauen.. Schade, denn besonders jetzt hätte ich es gerne geschaut, auch wenn’s nur der Pilot ist.
      Freut mich aber, dass dir das Buch zusagt! ❤️

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