Rita Indiana: Tentakel



Exotisch und verwirrend — Rita Indiana lässt mit „Tentakel“ den Vodoo-Kult der konservativen Karibik aufleben.

Rita Indiana, Tentakel

Ein karibischer Roman vom Strand der Zukunft – und die uralte Frage, brennend wie der Kuss einer Seeanemone: Wer ist Ich? — Die Dominikanische Republik, etwas später. Vom einstigen Touristenparadies ist nicht mehr viel übrig: Die Strandpromenaden von Tsunamis verwüstet, das Meer auf Jahrzehnte verseucht, und auf den Straßen patrouillieren Roboter, die Flüchtlinge aus Haiti einsammeln und verschwinden lassen. Dies ist die Welt von Acilde Figueroa. Die junge Frau arbeitet als Hausangestellte einer Voodoo-Priesterin mit besten Verbindungen zur Macht. Acilde selbst hat nur zwei Wünsche: erstens Restaurantchef zu werden und zweitens ein Mann. Ihr Plan für ein neues Leben geht gehörig schief. Doch auf der Flucht erfährt Acilde, dass sie auserwählt ist, das Meer vor seiner Zerstörung zu bewahren. (zur Verlagsseite)

Rita Indiana, Tentakel Cover

Dieses Buch habe ich mehrfach bei Instagram gesehen und die andersartig klingende Story (und das hübsche Cover, geben wir’s doch zu) haben mich magisch angezogen. Dass Rita Indianas „Tentakel“ keine leichte Kost werden würde, durfte ich dann wenig später beim Aufschlagen des Buchs erfahren. Es geht nämlich nicht nur um einen Protagonisten, sondern gleich um drei, und alle sind auf eine sehr skurrile Weise miteinander verbunden. An sich klingt das nicht allzu komplex, doch da ich erst auf den letzten zwei Seiten gemerkt habe, dass und wie diese Personen verbunden sind, sind die 150 Seiten davor an mir vorbeigezogen wie in einer Trance. Natürlich gab es Hinweise, doch da auch der Aufbau dieser Geschichte allen bekannten stilistischen Mitteln trotzt, war ich mit allem etwas überfordert. Nichtsdestotrotz hat mich Rita Indiana mit „Tentakel“ so in ihren Bann gezogen, dass ich nicht mit dem Lesen aufhören konnte, auch wenn mir vieles verworren erschien.

Bereits der Anfang von „Tentakel“ ist vielversprechend: Wir schreiben das Jahr 2027. Acilde wünscht sich nichts sehnlicher, als dem weiblichen Körper zu entfliehen. Mithilfe einer Kontaktperson wird er als Haushaltshilfe bei der Vodoo-Priesterin Esther angestellt, die nicht nur über eine äußerst wertvolle Seeanemone verfügt, sondern mit deren finanzieller Unterstützung sich Acilde später einmal vielleicht das Mittel zur Geschlechtsumwandlung besorgen kann: Rainbow Bright. Nur eine Injektion, und nach 24 schmerzerfüllter Stunden würde sich das körperliche Geschlecht Acildes seiner Identität anpassen. Ein Traum würde in Erfüllung gehen. Doch Esther wird ermordet und der Plan ändert sich. Acilde bekommt auf anderem Wege an Rainbow Bright und nach seiner Umwandlung (die sehr detailliert beschrieben wird, sensible Gemüter blättern lieber eine Seite vor) beginnt die Handlung erst richtig. Denn die Seeanemone Esthers ist nicht nur aus sentimentalen Gründen unfassbar wertvoll, sondern auch, weil die blaue Karibik durch die Anspülung von Giftstoffen vor einigen Jahren einem Sumpf gleicht — eine Umweltkatastrophe unermesslichem Ausmaßes. Acilde wurde von Esther auf den Weg des Kultismus und des Vodoo gebracht und wurde bereits als „Auserwählter“ gefeiert. Seine Aufgabe besteht aus nicht weniger als der Rettung des karibischen Meeres.

Dass Acilde Vodoo-Techniken benutzt, um Personen in der Vergangenheit dahingehend zu beeinflussen, dass es zur Vermeidung der Katastrophe kommt, wurde mir erst gegen Ende des Buches bewusst. Es geht zurück in die 1990er und noch weiter bis in 17. Jahrhundert, und allein die Tatsache, dass Rita Indiana in diesen verschiedene Zeitformen benutzt, hat mich bei der Lektüre vollkommen durcheinander gebracht. Zur Verwirrung beigetragen hat mit Sicherheit auch die Erzählform. Wir erfahren nicht erst von den Charakteren in der Vergangenheit, nachdem Acilde sich geistig dorthin begibt, sondern bereits vorher. Dass es eine Verknüpfung zwischen den Charakteren geben könnte, wird in einer Szene erläutert, das war’s. Irgendwie hat mir der gesamte Zugang zu diesem karibischen Flair gefehlt, die Künstlerszene war mir auch noch nie so fremd wie in diesem Buch. Dennoch kann ich nicht behaupten, dass dieses Buch keine Anziehung auf mich ausübt, und nachdem ich verstanden hatte, dass es um geistige Zeitreisen geht, habe ich alles in einem völlig anderen Licht gesehen. Rita Indiana kann schreiben, das ist mal klar, und ihr Ziel ist mit Sicherheit auch nicht der Bestsellerlisten-Käufer, sondern ein anspruchsvoller Leser, dessen Hirn sich nicht sofort bei der ersten Wendung verknotet.

Fazit: „Tentakel“ ist mit Sicherheit kein 08/15-Roman, sondern eher das genaue Gegenteil. Der komplett freie Stil Rita Idianas, der sich an keine grundlegenden Linien der mir bekannten Literatur hält, ist exotisch und sicherlich nicht für jeden geeignet. Wer jedoch den Sprung ins kalte Nass wagen mag, wird mit einer Geschichte, die Themen wie Vodoo, Gender, Umweltkrisen, Kunstgeschichte und Zeitreisen enthält, belohnt. Da ich mir auch zwei Wochen nach Lektüre keinen Reim darauf machen konnte, wie ich das Buch final einschätze, gibt es von mir keine Punktewertung, sondern ich lasse die Besprechung für sich stehen.

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Dieses Rezensionsexemplar wurde mir freundlicherweise vom Wagenbach Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

Rita Indiana, Tentakel. Wagenbach Verlag
Taschenbuch, 154 Seiten
ISBN: 9783803132932
Erschienen: 09.03.18

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2 Kommentare

  1. Huuu, das klingt echt interessant! Zumindest die Themen, die dort aufgegriffen werden, sprechen mich sehr an – wobei ich trotzdem nicht wirklich glaube, dass es ein Roman für mich ist Das Cover ist echt cool!

  2. Huhu 🙂
    was für eine verrückte Themenmischung. Ich finde das Buch klingt ziemlich abgefahren und ungewöhnlich! Ich denke nicht dass ich es in nächster Zeit lesen werde, aber deine Besprechung ist sehr interessant!

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