Xiaolu Guo: Es war einmal im fernen Osten



Ein schockierendes Portrait vom China der 70er Jahre — brutal, erniedrigend und deprimierend.

Xiaolu Guo, Es war einmal im fernen Osten

Es ist kein einfacher Start ins Leben: Gleich nach der Geburt geben die Eltern, glühende Anhänger Maos, ihre Tochter in die Obhut eines kinderlosen Bauernpaares in den Bergen. Zwei Jahre später bringen diese die halbverhungerte Kleine zu ihren des Lesens und Schreibens unkundigen Großeltern. Ein Jahr später stirbt der Große Vorsitzende, und in China beginnt ein dramatischer gesellschaftlicher Wandel. In ihrem neuen Buch erzählt Xiaolu Guo von dem langen Weg, der sie aus einem ärmlichen Fischernest am Ostchinesischen Meer an die Filmhochschule im sich rasant verändernden Peking der 90er Jahre und schließlich 2002 nach London führt. (zur Verlagsseite)

Es war einmal im Fernen Osten, Xiaolu Guo Cover

„Es war einmal im fernen Osten“ von Xiaolu Guo schlummerte jetzt schon eine Weile auf meinem SUB, bis ich kürzlich endlich in der passenden Lesestimmung war und dieses autobiographische Buch gelesen habe. Und ich muss sagen, dieses Buch hat mich eine ganze Weile beschäftigt. Nicht, weil es besonders dick wäre, nein, sondern weil es ziemlich „dicht“ war, reich an Informationen, und es vieles zu verdauen gab. Xiaolu Guo schreibt über ihre Kindheit in der hintersten Provinz Chinas, wo sie, von ihren Eltern abgeschoben, bei ihren Großeltern lebt. Es ist ein sehr ärmliches Leben, Xiaolu ist stets hungrig und Bildung ist ein Fremdwort. Ihre Großmutter wird regelmäßig von ihrem Mann verprügelt und so lernt Xiaolu schon früh, wie es um das Frauenbild im China der 70er Jahre steht. Als sie sieben ist, wird sie von ihren Eltern heim geholt und soll fortan zur Schule gehen. Für ihre Mutter und ihren Bruder ist sie nur ein zusätzliches hungriges Maul, nur ihr Vater behandelt Xiaolu wie einen Menschen oder gar eine Gleichgesinnte — denn beide lieben die Kunst. Auf die Schule hat Xiaolu sich gefreut, doch ihr dämmert langsam, dass sie stark kurzsichtig ist, und so kann sie nur in den Fächern, in denen sie mit den Lehrbüchern arbeiten, bestehen. Freunde findet sie keine, denn man hänselt sie wegen ihrer bäuerlichen und ärmlichen Herkunft.  Erst, als Xiaolu es mit knapp zwanzig auf die Filmhochschule Pekings schafft, gewinnt ihr Leben endlich an Qualität. Schließlich entwurzelt sich Xiaolu selbst, als sie beschließt, in den Westen — genauer gesagt nach England — zieht, um ihre Filmausbildung fortzuführen.

Kunst als Ausflucht

Xiaolu lernt als kleines Mädchen nie Lesen und Schreiben. Ihre Großmutter ist Analphabetin, wie sehr viele Frauen zu der Zeit in der Provinz, und hätte es ihr auch nicht beibringen können. Erst, als Xiaolu in die Schule kommt, lernt sie das geschriebene Wort kennen. Sie verliebt sich in die Bildhaftigkeit der chinesischen Schriftzeichen und saugt alles Wissen darüber auf. Schon bald beginnt sie, Gedichte zu schreiben, und befasst sich mit Literatur. Ihr Vater, selbst ein Dichter und Künstler, nimmt sie bei der Hand, reicht ihr Bücher großer Autoren und bespricht zusammen mit ihr ihre Gedichte. Xiaolu findet in der Kunst des Schreibens eine Ausflucht aus ihrem Leben, das bisher alles andere als gut zu ihr war. Stets fällt sie in Ohnmacht, da sie sich als unterstes Glied in der Familienhierarchie auch nur zuletzt zu Essen nehmen darf und dann dementsprechend wenig übrig ist. Hänseleien in der Schule machen ihr den Alltag schwer und die Kälte ihrer Mutter löst in ihr Hass aus. Xiaolu möchte nur noch raus aus der Provinz und den starren Strukturen und wählt für sich die Filmbranche als Ziel aus. Drehbücher schreiben, das will sie, ihre Geschichten auf der großen Leinwand sehen. Doch selbst, als sie während ihres Filmstudiums ihre ersten Drehbücher einschickt, hat sie nicht mit der umfassenden chinesischen Zensur gerechnet, die ihr seitenweise Verbesserungsvorschläge zusendet und selbst nach Ausbesserung ihre Drehbücher stets ablehnt. So beginnt Xiaolu, selbst zu filmen.

Gebundene Füße

Mit Xiaolu Guos Werk habe ich viel über die chinesische Kultur und auch die dortigen Traditionen gelernt. Die der gebundenen Füße fand ich besonders grausig. Der Gang von Xiaolus Großmutter wird als „trippelnd“ beschrieben, und auch wenn Xiaolu hier nicht ins Detail geht und lediglich den Begriff „gebundene Füße“ erwähnt, so musste ich doch einmal nachschauen. Das Füßebinden war in China noch bis ins 20. Jahrhundert ein weit verbreiterter Brauch, bei dem bereits den jüngsten Mädchen die Füße so zusammengebunden wurden, dass sich ihre Zehen krümmen und der Fuß wie ein Lotusblatt aussieht. (Jeder mit schwachen Nerven sollte jetzt lieber nicht googlen.) Die Zehen wurden durch diesen langjährigen Prozess gebrochen und verstümmelt. Ich mag mir gar nicht die Schmerzen vorstellen! Die Männer Chinas haben die kleinen Füße, die in winzige Puppenschühchen gesteckt wurden, angebetet, und waren der Meinung, es verleihe der Frau einen anmutigeren Gang. High Heels inklusive Fußverstümmelung quasi. Da die Frau ja sowieso nur zuhause tätig war, war es auch nicht vonnöten, dass sie mit den gebundenen Füßen weitere Strecken zurück legt. Zum Weglaufen vor der häuslichen Gewalt waren die gebundenen Füße auch nicht mehr geeignet.

Kinderbräute

Zwölf Jahre. Was bedeutete das für mich? Ich war gerade fünf geworden, nach der alten Tradition würde man mich schon in sieben Jahren verheiraten. Vielleicht würde es für mich ja zwei Esel geben […].

Genau wie Xiaolus Großmutter ist es vielen Frauen in China ergangen: Sie wurden in jungen Jahren an Männer zur Heirat verschachert. Da die Provinz sehr ärmlich war, wechselte als Bezahlung für die Tochter meist nur ein Sack Reis den Besitzer. Der freie Wille der Frau wird auch mit diesem Brauchtum ausgemerzt. Dadurch, dass die Mädchen so jung schon an den zukünftigen Mann übergeben werden, geraten sie schnell in eine Abhängigkeitssituation, da sie nichts anderes kennen als ihren Mann. Die mangelnde Bildung führt dann dazu, dass die Mädchen auch als Frau bei ihre Männern bleiben und sich um den Haushalt kümmern.

Gewalt gegen Frauen

Meine Großeltern führten eine schreckliche Ehe. Großvater verprügelte seine Frau fast täglich […].

Xiaolu beschreibt extensiv die Gewalt gegen Frauen in China. Nicht nur werden Kinder (sprich: Mädchen) im Elternhaus verprügelt, sondern die Gewalt zieht sich wie ein Faden durch das Leben der Chinesinnen: Frauen werden regelmäßig von ihren Männern verprügelt, die Gründe dafür sind nichtig. Eine Frau ist stets ihrem Mann untergeordnet und sollte sie einen Jungen gebären, steht dieser in der Rangliste auch über ihr. Im China zu Xiaolus Zeit wird Frauen kein Respekt entgegengebracht, Xiaolus Großmutter lebt ihr Leben lang sogar ohne einen Namen. Zudem werden sehr viele der Mädchen, die langsam ihren Kinderschuhen entwachsen, missbraucht. Niemand spricht ein Wort, keines der Mädchen traut sich, sich an irgendjemanden zu wenden. Wie auch, wenn man als Frau ganz unten in der Familienhierarchie steht und sowieso niemanden interessiert, was man zu sagen hat? Xiaolu selbst wurde Opfer des regelmäßigen Missbrauchs über zwei ganze Jahre hinweg. Erst an der Filmhochschule in Peking vertraut sie sich ihren Zimmergenossinnen an, die alle ähnliches durchlebt zu haben scheinen. Für sie ist der Sex in einer heterosexuelle Beziehung stets von Gewalt und sexuellen Übergriffen geprägt, deshalb empfindet sie Liebe als das genaue Gegenteil von Sex. Trotzdem versucht sich Xiaolu in Beziehungen; bereits während ihrer Schulzeit in der Provinz schläft sie regelmäßig mit einem 15 Jahre älteren Lehrer.Zu einem späteren Zeitpunkt erfährt Xiaolu dann die Gewalt, die ihrer Großmutter durch ihren Großvater widerfahren ist, am eigenen Leib, nämlich als sie in Peking eine Beziehung mit einem Mann eingeht, der sie regelmäßig verprügelt. Xiaolu flüchtet und trifft die Entscheidung, nie wieder etwas mit einem Chinesen anzufangen. Immer weiter entwurzelt sie sich von ihrer Kultur, immer weniger sieht sie sich selbst als Chinesin, immer weniger identifiziert sie sich mit dem Brauchtum Chinas.

Fazit

Schweigen hatte in China Tradition, denn es diente einem Zweck: nie über Tragödien reden, nie die Frage nach dem Sinn stellen, sondern einfach nach vorne schauen und weiterleben.

Xiaolu Guo erzählt bedrückend und nüchtern von ihrer Kindheit und Jugend in der Provinz Chinas, ihrem Filmstudium in Peking und schließlich dem Leben in Großbritannien, wo sie ihr Studium fortsetzt und mit ihren Büchern erste Erfolge feiert. Stellenweise musste ich beim Lesen eine Pause machen, weil mir das alles doch zu deprimierend erschien, die Vorstellungskraft eines Lebens im China der 70er Jahre geht mir schlicht und ergreifend ab. Die Kapitel, in denen Guo ausführlich über ihr Studium berichtet, bezüglich der Filmtheorien ins Detail geht und seitenweise mit Namen um sich wirft, fand ich persönlich etwas langweilig, dafür haben die sprachwissenschaftlichen Passagen wieder einiges wett gemacht, wenn Guo sich über die mangelnde Bildhaftigkeit des Englischen auslässt. Die chinesische Kultur steht jedoch immer im Vordergrund und das ist für mich der spannende Teil. Ich habe durch „Es war einmal im fernen Osten“ wahnsinnig viel gelernt durch dieses Buch und werde die nächsten Bücher von chinesischen Autoren vielleicht in einem anderen Licht sehen können. Für jeden, der sich für die chinesische Kultur und ihre Traditionen interessiert, ist dieses Buch eine Empfehlung, da es persönlicher und angenehmer zu lesen als ein Sachbuch und anspruchsvoller als ein Roman ist.

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Dieses Rezensionsexemplar wurde mir freundlicherweise vom Knaus Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

Xiaolu Guo, Es war einmal im fernen Osten. Knaus Verlag
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 365 Seiten
ISBN: 978-3-8135-0769-0
Erschienen: 11.09.17

Weitere Meinungen findet ihr bei:

El Tragalibros

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